Den Lama aus der Ferne anrufen


Ehrwürdiger Khenpo Karma Namgyal


"Den Lama aus der Ferne rufen,"
komponiert von Jamgon Kongtrul Lodrö Thaye dem Großen


Unterweisungen präsentiert bei Karma Theksum Tashi Chöling in Hamburg, November 2008

Einführung

An diesem Wochenende werden wir uns mit dem Gebet "Den Lama aus der Ferne rufen" beschäftigen. Ich werde keine detaillierten Anweisungen geben, sondern denke, es wäre gut, die Verse durchzugehen und zu sehen, was sie für uns bedeuten. Dieser spirituelle Text ist nicht nur ein Gebet, sondern er enthält auch Anweisungen, die wir von unserem Lama erhalten. Bevor wir beginnen, wollen wir das "Gebet der Zuflucht" rezitieren.

Jamgon Kongtrul Lodrö Thaye war der Autor von "Den Lama aus der Ferne rufen". Wie Sie wissen, war er ein führender Vertreter der Rime- oder nicht-sektiererischen Bewegung in Tibet. Die Anhänger der Nyingma-Tradition argumentieren, dass er ein Nyingmapa war, aber die Kagyüpas haben genügend Beweise, wenn sie sagen, dass der höchste und erhabene Lodrö Thaye zur Kagyü-Tradition gehörte. Der Dritte Jamgon Kongtrul Rinpoche, Karma Lodrö Chökyi Senge, war Linienhalter der Kagyü-Tradition. Ich habe ihn nur einmal in meinem Leben getroffen, aber ich habe immer eine sehr tiefe Verbindung gespürt. Jamgon Lodrö Chökyi Nyima Tenpay Drönme, die junge vierte Inkarnation von Jamgon Kongtrul Lodrö Thaye, widmet sich in seinen Aktivitäten der Bewahrung und Verbreitung des Buddhadharma, insbesondere der Karma Kagyü Linie.

Neben zahllosen kleineren Schriften hat der Erste Jamgon Kongtrul Rinpoche mehr als neunzig Bände von Schriften verfasst und zusammengestellt, die die gesamte Bandbreite der buddhistischen Lehren, wie sie in Tibet präsentiert wurden, verkörpern. Sie sind als "Die fünf großen Schätze" bekannt. Es war für mich immer einfacher und hilfreicher, meine Aufmerksamkeit auf den kurzen Text "Den Lama aus der Ferne rufen" zu konzentrieren als auf die umfangreiche Sammlung seiner Schriften, und ich hoffe, dass Sie davon profitieren werden, wenn wir diesen Text gemeinsam betrachten. Ich denke, dass dieses Gebet für Schüler gedacht ist, die bereits Erfahrung mit dem Dharma haben, weil es für Anfänger schwer zu verstehen ist.

Es ist eine Tatsache, dass wir dazu neigen, unsere eigenen Fehler zu leugnen. Dieses Gebet spricht von unseren Zweifeln und zeigt uns, wie wir sie überwinden können. Wir wenden uns zuerst an unseren Lama und bitten ihn um Hilfe, und dieser Text zeigt uns, wie wir unsere Fehler erkennen und sie korrigieren können, er ist also wie ein Spiegel für uns. Wir ignorieren die Kritik der anderen, aber wir können nicht leugnen, was wir sehen, wenn wir in den Spiegel schauen. Ich bin zum Beispiel ein bisschen pummelig, obwohl ich mir einrede, dass ich schlank bin. In Nepal gibt es keine großen Spiegel, also kann ich dort nicht meine ganze Figur sehen, aber im Westen gibt es große Spiegel, und dann sehe ich, dass ich mollig bin. Also tue ich jetzt, was die Leute sagen, und gehe öfter spazieren.

Der Titel des Gebets lautet "Den Lama aus der Ferne rufen". Wer ist ein Lama? Nicht jeder, der eine rote Robe trägt, ist ein Lama. Vielmehr ist der Lama unser Wurzellama, der Lama, der uns die Ermächtigung, die Übertragung des Lesens eines Textes und die Praxisanweisungen gibt, die es uns ermöglichen zu reifen. Der eigene Wurzel-Lama ist eine sehr persönliche Angelegenheit. Man kann viele Lamas treffen, die berühmt sind, aber keine Veränderung erfahren, wenn man sie trifft. Es ist möglich, tiefen Glauben und Hingabe an einen Lama zu erfahren, dessen Namen man nur hört oder dessen Bild man nur sieht, ohne ihm jemals im Leben begegnet zu sein, es ist also eine individuelle Angelegenheit. Auch wenn man ihm nicht begegnet ist, fühlt ein Schüler der Kagyü-Linie immer, dass Seine Heiligkeit der Gyalwa Karmapa, Ogyen Trinley Dorje, sein Wurzellama ist und betet zu ihm. Der Lama, der für einen selbst von Bedeutung ist, ist der Lama, der die eigene innere Inspirationsquelle ist, dem man vertraut und den man zutiefst verehrt.

Die Praktiken der Drei Wurzeln - Lama, Yidam und Spirituellen Schützern und Dakinis - werden hauptsächlich während eines dreijährigen Retreats ausgeübt. Die Meditation über den Yidam besteht hauptsächlich aus der Meditation über den eigenen Lama. Es ist wichtig, das Ziel der Meditation über den eigenen Lama zu kennen. Der eigene Geist wird untrennbar mit dem Geist des Lamas verbunden, wenn man über ihn meditiert. Er ist frei von allen Fehlern und hat grenzenlose liebende Güte und Mitgefühl. Man bittet immer wieder um den Segen seines Lamas, damit man mit ihm identisch und untrennbar wird und dadurch alle Fehler, die man hat, überwindet. Dies ist eine sehr wirksame Methode, um die geringsten emotionalen und geistigen Verunreinigungen zu überwinden und auszumerzen. Viele Kagyü-Praktizierende, die aufrichtige Hingabe für Gyalwa Karmapa empfinden, verbringen viel Zeit damit, sein Mantra "KARMAPA KHYEN-NO" zu wiederholen, und so vereinen sie sich mit dem Prinzip, mit ihm untrennbar zu werden. Es ist sehr wichtig zu verstehen, dass dies der Zweck der Praxis ist. Man kann sich mit Gebeten, die einem in den Sinn kommen, an seinen Lama wenden, z.B. um seinen Segen beten, damit man gesund wird, wenn man krank ist. Daran ist nichts auszusetzen, aber es ist nicht der Zweck der Praxis.

Es gibt so viele Lamas in jeder tibetisch-buddhistischen Tradition, wie zum Beispiel in der Tradition der Kagyüpas, Nyingmapas, Sakyapas und so weiter. Wir können sie nicht alle kennen, aber es würde genügen, unseren Lama im Raum vor uns zu visualisieren und uns vorzustellen, dass die spezifischen Linien-Lamas des Gebets "Den Lama aus der Ferne anrufen" mit ihm vereint sind, wenn wir jede Zeile der Huldigung rezitieren. Lasst es uns in der leichten Melodie singen, die der Melodie der spirituellen Lieder von Jetsün Milarepa gleicht. Jeder Lama lehrte andere Melodien, aber diese beiden sind ähnlich. Frage: Seine Heiligkeit Gyalwa Karmapa hat vor kurzem kürzere Versionen vieler Texte geschrieben, damit es für uns einfacher ist, zu praktizieren. Kann dieser Text gekürzt werden? Khenpo: Vielleicht können wir ihn irgendwann einmal fragen.

Übersetzer: Dieser Text ist nicht lang.

DIE HULDIGUNG

"Lama, denke an uns.

Gütiger Wurzellama, denke an mich!

Essenz der Buddhas der drei Zeiten,

Quelle des authentischen Dharmas der mündlichen Überlieferung und der Verwirklichung,

Meister der Sangha, der edlen Gemeinschaft,

Wurzellama, denke an mich.

Die Wellen Deines Segens sind der große Schatz des Mitgefühls

Du bist die Quelle beider Arten der Verwirklichung

Du bist die Aktivität, die alle Wünsche gewährt.

Wurzellama, denke an mich.

Lama Amitabha, Grenzenloses Licht, denke an mich!

Schaue her aus der Weite des Dharmakayas frei von Projektionen.

Führe uns, die wir mit schlechtem Karma im Samsara irren,

nach Dewatschen, deinem reinen Land der großen Freude.

Lama Tschenresi, denke an mich!

Schaue her aus der Weite des klaren Lichts des Sambhogakaya.

Befriede den Ursprung des Leidens der sechs Arten von Wesen

und erschüttere zutiefst die drei Bereiche des Samsara.

Lama Padmasambhava, denke an mich!

Schaue her aus dem Lotuslicht von Camara.

Uns schutzlose Tibeter, in dieser Zeit des Niedergangs,

beschütze schnell in deinem Mitgefühl.

Lama Yesche Tsogyal, denke an mich!

Schaue her aus der Stadt der großen Freude der Gewahrseins-Aktivität.

Führe mich und alle anderen, beladen mit der Last unserer Handlungen,

aus dem Ozean der Existenzen zur großen Stadt der Befreiung.

Lamas der mündlichen Überweisungs- und Terma-Überlieferung, denkt an mich!

Schaut her aus der Weite des zeitlosen Gewahrseins der Einheit.

Durchbrecht das dunkle Verließ meines verwirten Geistes

und lasst die Sonne der Verwirklichung aufgehen.

Allwissender Drime Öser, denke an mich!

Schaue aus der Weite der spontanen fünf Lichter

Hilft mir, das Potential des seit jeher reinen Geistes zu entfalten

und den Weg über die vier Stufen zu vollenden.

Atisha und Dromtönpa, Vater und Sohn ohne gleichen, denkt an mich!

Schaut her aus der Mitte hunderter von Göttern in Tushita und

Erweckt in mir den Erleuchtungsgeist,

Die Essenz von Leerheit und Mitgefühl.

Marpa, Milarepa und Gampopa, höchste Verwirklichte, denkt an mich!

Schaut her aus dem Reich der Vajra-Freude!

Erweckt in meinem Herzen den Dharmakaya,

Mahamudra, höchste Verwirklichung von Freude und Leerheit.

Karmapa, Herr der Welt, denke an mich!

Schau her vom Reich, das alle Wesen zähmt

Hilf mir, zu verstehen, dass alles illusorisch ist, ohne jede Wirklichkeit.

so dass Erscheinungen und Geist zu den drei Buddhakörpern werden.

Kagyüs der vier Haupt- und acht Nebenlinien, denkt an mich!

Schaut her aus dem Reinen Land spontaner Erscheinungen

Bereinigt meine Täuschung während der vier Zustände

und bringt meine Erfahrungen und Realisierung zur Vollendung!

Ihr fünf edlen Sakya Vorväter, denkt an mich!

Schaut her aus der Weite der Untrennbarkeit von Samsara und Nirvana!

Helft mir, die völlig reine Sicht, Meditation und das Handeln zu vereinen

und so den höchsten, geheimen Pfad zu beschreiten.

Unvergleichbare Schangpa Kagyüs denkt an mich!

Schaut her vom völlig reinen Buddhaland

Möge ich die Praxis meistern, die durch geschickte Mittel befreit

und so die Einheit des nicht des Nicht-Mehr-Lernens erlangen.

Großer Siddha Thangtong Gyalpo, denke an mich!

Schau her aus der Weite des mühelosen Mitgefühls

Möge ich das Verständnis, dass nichts letztendliche Wirklichkeit besitzt,

in mein Leben integrieren und Prana und Geist unter Kontrolle bringen.

Einziger Vater, Padampa Sangye, denke an mich!

Schau her aus der Sphäre des Verwirklichens höchster Aktivität.

Trage den Segen deiner Linie in mein Herz,

so dass mir die Verbundenheit von allem aufgeht.

Einzige Mutter Labkyi Drönma, denke an mich!

Schau her aus der Weite befreiender Weisheit.

Durchtrenne Ichanhaften und Arroganz an der Wurzel

und zeige mir die Wahrheit der Ichlosigkeit frei von Projektionen.

Allwissender Buddha, Dölpopa, denke an mich!

Schau her vom höchsten Reich des Mahamudra

Hilf mir, dass der unruhige Atem im Zentralkanal ein Ende findet

und ich den unerschütterlichen Vajrakörper erlange.

Jetsün Taranatha, denke an mich!

Schau her vom Reich der drei Mudras

Hilf mir, den geheimen Weg des Vajra ungehindert zu beschreiten

und so die himmlische Aktivität des Regenbogenkörpers zu erlangen.

Djamyang Khyentse Wangpo, denke an mich!

Schau her vom Weisheitsreich beider Arten des Wissens

Erhelle die Dunkelheit meines unwissenden Geistes

und gewähre mir [die] Einsicht in die höchste Weisheit!

Ösel Trölpe Dorje, denke an mich!

Schau her aus der Weite der fünf Regenbogenlichter

Hilf mir, die Unreinheiten von Bindu, Prana und Geist zu befreien

und die Erleuchtung, den Körper der jugendlichen Vase, zu erlangen.

Pema Dongak Lingpa, denke an mich!

Schau her aus der Weite der unwandelbaren Freude und Leerheit.

Möge ich all die Wünsche der Buddhas und Bodhisattvas

vollkommen zur Erfüllung bringen.

Ngagwang Yöntän Gyamtso, denke an mich!

Schau her aus der Weite der Einheit von Raum und Gewahrsein.

Möge ich alles Fürwahrhalten der Erscheinungen hinter mir lassen

und fähig sein, was immer geschieht auf den Weg zu bringen.

Sohn der Siegreichen, Lodrö Thayä, denke an mich!

Schau her von Deiner Natur der Liebe und des Mitgefühls

Hilf mir zu erkennen, dass alle Wesen meine liebevollen Eltern waren,

und aus ganzem Herzen das Wohl anderer zu bewirken.

Pema Gargyi Wangtschuk, denke an mich!

Schau her vom Reich des Klaren Lichts höchster Freude

Hilf mir, die fünf Gifte in die fünf Weisheiten zu befreien

und alle Dualität, Aufgeben und Erlangen, zu verbannen

Tennyi Yungdrung Lingpa, denke an mich!

Schau her vom Reich wo Samsara und Nirvana gleich sind

Möge natürliche Hingabe in mir entstehen

und Verständnis und Befreiung zugleich zunehmen.


Gütiger Wurzellama, denke an mich!

Schau her vom Scheitel meines Kopfes, der Stätte höchster Freude

Möge meine Bewusstheit das Angesicht des Dharmakaya erblicken

und möge ich die Buddhaschaft in diesem einen Leben erlangen!

 

Die Huldigung ist sehr tiefgründig. Es wäre sehr gut, die Bedeutung zu kennen. Wenn Sie nicht die Zeit haben, die gesamte Huldigung zu rezitieren, dann wäre es von Vorteil, die letzten vier Zeilen zu rezitieren. Wenn Sie keine Zeit haben, diese vier Zeilen zu rezitieren, dann wäre es sehr vorteilhaft, das Mantra "KARMAPA KHYEN-NO" so lange zu wiederholen, wie Sie können.

 

PRAXISANLEITUNG: DIE VIER VORBEREITENDEN KONTEMPLATIONEN

1) Samsara

"Ach, fühlende Wesen wie wir, die negative Handlungen begangen haben,

wandern in Samsara seit anfangsloser Zeit.

Immer noch endloses Leiden erfahren,

fühlen wir nicht einmal einen Augenblick der Müdigkeit.

Lama, denke an uns, betrachte uns rasch mit Mitgefühl.

Segne uns, dass Entsagung aus der Tiefe unseres Herzens aufsteigt."

Die erste Anweisung des Gebetes besagt, dass es notwendig ist, echte Abscheu vor dem "Kreislauf der bedingten Existenz", Samsara, zu empfinden. Es ist nicht leicht zu erkennen, dass Samsara überhaupt nicht wünschenswert ist. Solange man des Samsara nicht wirklich überdrüssig geworden ist und keine unabänderliche Entsagung entwickelt hat, kann man seinen Geist nicht wirklich dem Dharma zuwenden.

Es ist notwendig, die Unzulänglichkeiten und Mängel, die Samsara mit sich bringt, zu erkennen, um ihm vollständig abzuschwören. Solange man sich zu etwas hingezogen fühlt, wird man ihm nicht abschwören. Menschen, die die Lehren des Buddha nicht studiert haben, denken, dass Samsara angenehm ist. Man kann zum Beispiel ein schönes Haus gebaut haben und dabei einen Haufen Müll direkt neben dem Grundstück hinterlassen, ohne es zu bemerken und ohne sich daran zu stören. Wenn jemand vorbeikommt und sagt: "Weißt du, dieser Müllhaufen stinkt", dann merkt man das. Dann hat man den Wunsch, den Müll zu entfernen und den Ort sauber zu halten. In gleicher Weise ist es wichtig, die Natur von Samsara sorgfältig zu untersuchen, um für sich selbst herauszufinden, ob es etwas bietet, das es wert ist, angestrebt zu werden. Da es nicht einfach ist, zu erkennen, dass Samsara trügerisch und wertlos ist, bittet man immer wieder um den Segen seines Lamas, damit man zur Entsagung kommt.

Lassen Sie mich auf Englisch sprechen: In der Lebensgeschichte von Buddha lesen wir, dass viele Menschen sehr gelitten haben und dem entkommen wollten, so dass sie zu ihm oder seinen Schülern gingen und Mönche oder Nonnen wurden. So war es auch in Tibet. Was mich betrifft, so wurde ich Mönch, als ich noch ein Kind war und ein gutes Leben hatte, so dass ich nicht wusste, was Samsara bedeutet. Als ich jung war, habe ich nur in Büchern gelesen, dass das ganze Samsara voller Leiden ist, aber ich konnte dem nicht zustimmen, weil ich so viele Menschen sah, die in Luxus leben, ein gutes Haus und ein gutes Auto haben. Je mehr ich über das Leiden las, desto mehr glaubte ich an die Worte des Buddha, dass es keinen Ort im Samsara gibt, der frei von Leiden ist. Am Anfang ist es schwer zu glauben, aber wenn wir genau hinschauen, erkennen wir, dass wir alle Leiden erfahren haben. Wenn wir das Leiden erkennen, wenn es auftritt, denke ich, dass wir versuchen werden, ihm zu entkommen. Solange wir das Leiden nicht erkennen, werden wir mitspielen, wie beim Schwimmen. Aber ich weiß nicht, wie man schwimmt - ich habe versucht, es zu lernen, bin aber immer wieder gescheitert, und deshalb gehe ich. Ich kann sagen, dass es nicht einfach ist, Entsagung zu haben. Und deshalb hat Jamgon Kongtrul den Vers am Anfang dieser Anweisungen geschrieben. Um unseren Geist dem Dharma zuzuwenden und ein echter Praktizierender zu werden, brauchen wir diese Art von Geist, denn die Praxis des Dharma besteht nicht darin, reich zu werden, nicht darin, gesund zu werden, sondern einen friedvollen Geist zu erlangen. Um einen friedvollen Geist zu erlangen, müssen wir uns weit vom Leiden entfernen. Wie können wir friedlich werden, wenn wir an einem Ort des Leidens schlummern? Zuerst müssen wir also den Ort des Leidens erkennen. Wenn wir aus diesem Ort herauskommen, werden wir Frieden erlangen. Und deshalb sind dieses Gebet und diese Praxis sehr, sehr wichtig. Wir sollten uns also unseren Guru vor Augen führen und zu ihm beten, selbst wenn wir uns an einem luxuriösen Ort befinden: "Lass mich wahres Leiden erkennen." Dafür beten wir also.

Ich schaue im Internet. Jetzt können wir Belehrungen aus dem Internet erhalten. Es ist sehr einfach, und wir müssen nicht herkommen und viel Geld bezahlen. Ich habe auf meiner Website einen Link mit einem kurzen Satz von Tai Situ Rinpoche auf YouTube veröffentlicht. Er sagt: "Mach dir keine Sorgen. Sei glücklich." Das gefällt mir sehr gut. Eigentlich wiederholt er den Buddha, und der Buddha zeigt nur die Natur. Ob der Buddha die relative Natur der Existenz lehrt oder nicht, es bleibt die Natur der relativen Realität. Aber ein Fehler, den wir machen, ist, dass wir immer unwissend sind, und deshalb praktizieren wir. Manchmal werde ich frei von dem Leiden, das ich erfahre, wenn ich über die Lehren nachdenke.

Kurz gesagt, wir werden die Stufen des Pfades praktizieren müssen, solange wir nicht die letztendliche Natur aller Dinge erkannt und damit unsere Unwissenheit überwunden haben. Wirkliche Praxis setzt voraus, dass wir zu einer authentischen Entsagung von Samsara gelangt sind. Wenn man des Samsara wirklich überdrüssig ist, betet man die letzten beiden Zeilen des obigen Verses zu seinem Lama, die lauten: "Lama, denke an uns, betrachte uns schnell mit Mitgefühl. Segne uns, dass Entsagung aus der Tiefe unseres Herzens erwächst."

Dies ist ein sehr tiefes Gebet, das eine starke Wirkung auf uns haben kann. Es ist ein ernstes Gebet. Man kann seinen Lama um viele Dinge bitten. Ich habe zum Beispiel einen kleinen Jungen gesehen, der viele Umrundungen um die herrliche Stupa in Boudhanath machte, als ich dort auf Pilgerreise war. Nachdem er fertig war, fragte ich ihn: "Warum? Worum hast du gebetet?" Er antwortete: "Um die Prüfungen zu bestehen." Das ist in Ordnung, aber das Gebet, um Entsagung zu entwickeln und zu verstärken, ist sehr effektiv.

Wenn wir unser Leben ernsthaft betrachten, können wir erkennen, ob wir Entsagung haben oder nicht. Man muss das über einen langen Zeitraum hinweg prüfen. Es ist völlig in Ordnung, wenn man sich vornimmt, in diesem Leben sein Bestes zu geben, wenn man weiß, dass das nicht viel ist, wenn man merkt, dass man sich noch nicht völlig von der Faszination Samsaras befreit und ihm nicht völlig entsagt hat. Man ist ehrlich zu sich selbst und betet, dass man zumindest dieses Ziel in seinem nächsten Leben erreicht, bis man völlig frei geworden ist. Das ist ganz sicher ein tiefer Wunsch, der in Erfüllung gehen wird.

 

2) Das kostbare menschliche Leben

"Obwohl wir eine kostbare menschliche Geburt mit Muße und Ressourcen erlangt haben, verschwenden wir sie umsonst,

Ständig abgelenkt durch die Aktivitäten dieses hohlen Lebens.

Wenn es darum geht, das große Ziel der Befreiung zu erreichen, werden wir von Faulheit überwältigt

Und kehren mit leeren Händen aus einem Land voller Juwelen zurück.

Lama, denke an uns, betrachte uns rasch mit Mitgefühl.

Segne uns, dass wir diesem Leben einen Sinn geben."

Die zweite Strophe der Anweisungen, die Jamgon Kongtrul Lodrö Thaye in "Den Lama aus der Ferne rufen" darlegt, behandelt die Schwierigkeiten, eine kostbare menschliche Geburt zu erlangen, die mit Muße und Ressourcen ausgestattet ist. (Anmerkung der Redaktion: Die Muße und die Ressourcen sind die acht Gelegenheiten und die zehn Errungenschaften. Die acht Gelegenheiten bestehen darin, nicht in einem der acht ungünstigen Daseinszustände geboren zu werden, d.h. in den Höllenzuständen, im Zustand der Geister, der Tiere, der lange lebenden Götter, der Barbaren, derjenigen, die falsche Ansichten haben, derjenigen, die in einer Zeit ohne Buddhas geboren wurden, und der geistig Behinderten. Die zehn Errungenschaften sind, ein Mensch zu sein, in einem Land geboren zu sein, in dem es Lamas und Lehrer gibt, die man besuchen und von denen man profitieren kann, seine Fähigkeiten intakt zu haben, Vertrauen in den Dharma zu haben, keine extremen negativen Handlungen begangen zu haben; außerdem, dass ein Buddha in die Welt gekommen ist, dass der heilige Dharma gelehrt wird, dass alle Dharma-Lehren gegenwärtig sind, dass der gesamte gegenwärtige Dharma befolgt wird und dass es Wesen gibt, die sich mitfühlend um diejenigen kümmern, die den Dharma praktizieren.) Das Erreichen der acht Gelegenheiten und der zehn Errungenschaften hängt davon ab, ob ein Individuum die geistigen und emotionalen Verunreinigungen gereinigt hat, die das Erreichen dessen behindern, was "eine kostbare menschliche Geburt" genannt wird. Wenn man sein kostbares menschliches Leben nicht anerkennt und es nicht optimal nutzt, ist das vergleichbar mit jemandem, der mit leeren Händen von einer Insel voller Juwelen zurückkehrt.

Als ich jung war, habe ich viele Bücher gelesen und viele Geschichten über Norbu Ling, "die Juweleninsel", gehört. Eines Tages fragte ich den Ehrwürdigen Thrangu Rinpoche: "Wo ist dieser Ort? Wo kann ich eine Fahrkarte dorthin bekommen?" Er sagte mir: "Oh, sie haben keine Karte von diesem Ort gemacht. Es tut mir leid, ich weiß nicht, wo er ist." Ich glaube, dass es früher eine solche Insel gab, aber die Menschen haben es so eilig, dass nur noch Sand übrig ist. Ich bin sicher, dass es eine solche Insel gibt und dass es sehr schwierig ist, dorthin zu gelangen. Es ist nicht gut, wenn jemand dorthin geht und sich an den Reichtümern erfreut, ohne etwas zurückzubringen.

Die Menschen sind mit einer unvorstellbaren Vielfalt von Aktivitäten beschäftigt. Manchmal gehe ich auf die Spitze des Hügels hinter Lekshey Ling, schaue auf Kathmandu in der Ferne und denke, dass es so viele Menschen gibt, die durch die Stadt und alle Städte der Welt wuseln. Ich kann sagen, dass die meisten von ihnen hart arbeiten, um nur in diesem Leben glücklich zu sein. Natürlich muss man arbeiten, um zu überleben, aber es ist wichtig zu wissen, dass es zu 100 % wahr ist, dass man nicht ewig in dieser Welt bleiben wird. Es wäre sehr gut, sich jeden Tag ein wenig Zeit zu nehmen, um den Dharma zu praktizieren und moralisches Verhalten aufrechtzuerhalten, z. B. nicht zu lügen, was nicht einfach ist. Wenn man feststellt, dass es zu schwer ist, für den Rest seines Lebens nicht zu lügen, kann man sich zumindest vornehmen, eine Woche lang nicht zu lügen; wenn das zu schwer ist, kann man sich vornehmen, eine Stunde lang nicht zu lügen. Es ist wirklich von Vorteil, wenn man sein Leben auf eine gute Weise nutzt. Es wird so sein, als würde man mit Juwelen in den Händen zurückkehren, nachdem man Norbu Ling besucht hat.

Viele Menschen verbringen so viel Zeit damit, hart zu arbeiten, um Geld zu verdienen, um ein Haus zu bauen oder ein Auto zu kaufen, und eines Tages verlieren sie alles. Kein Räuber kann einem etwas anhaben, wenn man sich beruhigt und sich mit ein wenig zufrieden gibt. Seine Heiligkeit Gyalwa Karmapa hat uns zum Beispiel gebeten, kein Fleisch zu essen, was mir sehr schwer fällt. Ich habe daraufhin meinen Fleischkonsum reduziert und bin froh, wenn ich jeden Tag eine gute Mahlzeit habe. Wenn wir uns also entschließen, unsere negativen Aktivitäten zu verringern und versuchen, das Gegenteil zu tun, indem wir unser menschliches Leben auf gute Weise nutzen, dann denke ich, dass wir davon profitieren werden. Obwohl ich mir bewusst bin, dass es sich um ein Unterhaltungsprogramm handelt, schaue ich mir gerne Wrestling-Kämpfe an und denke, dass die Wrestler einen guten Körperbau haben, aber sie benutzen ihren Körper nur, um zu kämpfen und um Geld zu verdienen. Wenn ich mich mit ihnen vergleiche, denke ich, dass ich ein gutes Leben führe. Wenn wir regelmäßig kleine gute Dinge tun, Schritt für Schritt, dann denke ich, dass es sehr gut wird.

Ich esse gerne scharf, aber auf dieser Reise habe ich keine Chilis dabei, deshalb bin ich etwas ratlos. Jeder hat einen anderen Geschmack. Manche Menschen üben sich gern in Großzügigkeit, andere in Disziplin, aber es ist nicht leicht, Geduld zu üben. Ich fühle mich zum Beispiel gut, wenn ich anderen etwas gebe, was ich habe, und wenn ich versuche, diszipliniert zu sein, aber Geduld zu haben, ist schwierig. Ich habe mir vorgenommen, mich in Geduld zu üben, und ich habe mein Bestes gegeben, aber bis jetzt ist es nicht in Ordnung. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Geduld ganz gut funktioniert. Große Probleme entstehen, wenn uns jemand schubst und wir dagegen ankämpfen oder uns rächen wollen. Ich reagiere nicht sofort, wenn es im Kloster Probleme gibt. Nach einer Weile beruhige ich mich und kann dann auf die Probleme anderer Rücksicht nehmen, es funktioniert also, geduldig zu sein.

Neulich bin ich mit Karin spazieren gegangen. Sie hat einen kleinen Hund und ich mag ihn sehr. Als wir einem anderen Hund begegneten, blieb ihr Hund stehen und sah aus, als wollte er sagen: "Nein! Ich bin klein. Ich kann nicht mit dir kämpfen." Nach einer Weile spielten die Hunde miteinander. Ich denke also, Geduld ist eine gute Methode, um Ruhe zu bewahren, wenn man nicht weiß, ob etwas in Ordnung ist oder nicht. Das muss jeder für sich selbst ausprobieren. Es gibt zum Beispiel Menschen, die gerne eine ruhige Meditation praktizieren. Andere meditieren gerne Chenrezig und zählen das Mantra so oft sie können - die ganze Nacht, den ganzen Tag, eine Stunde oder eine Minute. Manche Menschen meditieren gerne Guru Rinpoche. Andere meditieren gerne mit Karmapa oder ihrem Wurzellama. Halten Sie sich jeden Tag eine Sitzung zum Praktizieren frei. Ob man nun praktiziert oder nicht, das Leben entgleitet einem, Stunde für Stunde. Es ist erstaunlich: Letztes Jahr habe ich hier gesessen und dieses Jahr sitze ich auch hier. Ich spüre nicht, wie viel Zeit vergangen ist. Ob man darüber nachdenkt oder nicht, die Zeit geht weiter. Es wird sehr nützlich sein, seine Zeit zum Üben zu nutzen und anderen zu helfen, wenn man erfahren ist. Versuchen Sie also, einen Zeitplan für Ihr Leben aufzustellen.

Wenn mir jemand etwas Süßes zu essen anbietet, mag ich es nicht. Manchmal esse ich Süßigkeiten, aber normalerweise nicht. Ich mag scharfes und salziges Essen. So ist es gut, wenn man versucht, das zu praktizieren, was man nicht so sehr mag. Wenn man sich für den guten Weg interessiert, wählt man eine Praxis aus und geht sie durch - "langsam, langsam". Man kann süß-sauer essen, wenn man es mag.

Der obige Vers lehrt uns, unser Leben nicht mit Unsinn zu vergeuden. Natürlich müssen wir unseren Lebensunterhalt verdienen, um in dieser Welt leben zu können, aber wir sollten unsere Zeit nicht mit Unsinn verschwenden. Ich erinnere mich an ein Beispiel, das ich erzählen möchte: Als ich letztes Jahr in Süddeutschland war, habe ich einen starken Mann kennengelernt, und eigentlich mag ich ihn, denn er ruiniert seinen Körper nicht mit unsinnigen Dingen. Aber er ist verrückt nach Autos und Fahrrädern. Er hat sich ein sehr teures altes Auto und Motorrad für etwa 30.000,- Euro gekauft und macht immer Unsinn, indem er sie repariert. Seine Frau hat mir erzählt, dass er nichts anderes macht und nur in schmutzigen Overalls herumläuft. Das ist in Ordnung, verglichen mit einem Discobesuch und Weintrinken. Aber im Sinne des Dharma ist diese Art von Aktivität ein Herumspielen und wie ein Kind, das mit Spielzeug spielt. Wenn man älter wird, spielt man nicht mehr mit den Spielsachen, sondern lässt sie liegen. Ich möchte also sagen, dass es sehr wichtig ist, einen Zeitplan zu erstellen, um durch das Leben zu gehen.

Letztes Jahr nahm mich ein Freund mit zu Ikea, einem großen Möbelhaus. Dort habe ich wirklich etwas gelernt. Die Dinge sind wirklich billig, sogar im Vergleich zu den Preisen in Indien und Nepal. Ich habe so viele Dinge gesehen, die ich brauche.

Teilnehmerin: Ein großes Auto?
Khenpo: Keine Autos. Ich muss nach Nepal zurückkehren und darf nur 20 Kilo mitnehmen, also wäre es sinnlos, irgendetwas bei Ikea zu kaufen, auch wenn es billig ist. Wir können so viele Dinge sehen, an denen wir hängen, aber wir können diese Dinge nicht mitnehmen. Ich kann kleine und gute Dinge mitnehmen, wie eine Kamera, ein Handy, einen Laptop. Wenn ich dieses Jahr in Hamburg bin, werde ich das kaufen, was ich mitnehmen kann. Es würde mir nichts nützen, wenn mir jemand ein Auto schenken würde - es würde nicht in mein Gepäck passen und ich könnte es nicht in meine Tasche stecken. Ich werde nur Dinge kaufen, die ich auch wieder mitnehmen kann. Genauso müssen wir, wenn wir eines Tages von dieser schönen Welt scheiden, Dinge mitnehmen, die uns nicht überfordern.

Ich möchte wiederholen, dass es wichtig ist, sich einen Zeitplan zu machen. Man kann nicht sein ganzes Leben mit dem Üben verbringen, aber es hängt vom eigenen Geist ab. Acharya Nagarjuna sagte, dass er Nahrung zu sich nahm, damit er gut praktizieren konnte. Wenn man seine Mahlzeiten jeden Tag mit diesem Gedanken einnimmt, wird daraus eine Dharma-Praxis. Ich glaube, dass Westler denken, dass sie nicht praktizieren können, während sie arbeiten. Aber der Gedanke, dass man arbeitet, damit man überleben und praktizieren kann, ist gut. Sich einen Zeitplan für die formale Praxis zu machen und bis zum Ende so zu leben, ist sehr nützlich. Wir müssen auch immer wieder zu unserem Lama beten, dass wir nicht dem Unsinn erliegen, sondern unseren Geist darauf ausrichten, unser kostbares Leben sinnvoll zu nutzen.

Der Hauptpunkt des obigen Verses ist, dass man sich bewusst ist, wie schwierig es ist, eine kostbare menschliche Geburt mit den Möglichkeiten und der Freiheit, den Dharma zu praktizieren, zu erlangen, und dass man beschließt, sie nicht mit nutzlosen Aktivitäten zu verschwenden. Man bittet seinen Lama um seinen Segen, damit die eigenen Aktivitäten nützlich sind, oder man wiederholt das Mantra "KARMAPA KHYEN-NO."

Ich weiß nicht, ob wir den gesamten Text in diesem Seminar zu Ende bringen können, aber es ist sehr wichtig, nges-"byung, "Entsagung", zu kontemplieren. Viele Menschen denken, dass sie schnell praktizieren und die Buddhaschaft in ein paar Jahren erreichen können, aber ich glaube nicht, dass es so passieren wird. Die Grundlage des Weges ist Entsagung. Wenn Ueberdruss, "Entsagung", fehlt, wird die Praxis definitiv in die falsche Richtung gehen. Wenn man wirklich den Geist der gnes-˜byung hat, wird die eigene Praxis in die richtige Richtung gehen. Wenn man zum Beispiel beabsichtigt, nach Berlin zu fahren und das Auto, in dem man sitzt, fährt nach Frankfurt, wird man nicht in Berlin ankommen. Ich bin mir zu 100% sicher, dass Menschen, die glauben, Mahamudra oder Dzogchen zu praktizieren, ohne Samsara entsagt zu haben, auf dem falschen Weg sind. Der Dalai Lama und andere hohe Lamas werden es nicht anders sagen. Man muss also sicherstellen, dass man Ueberdruss hat, sein Leben in die richtige Richtung lenken und den richtigen Weg gehen. Ich denke, das ist wichtig genug.

 

3) Vergänglichkeit und Tod

"Es gibt niemanden auf dieser Erde, der nicht sterben wird.

Schon jetzt vergehen die Menschen, einer nach dem anderen.

Auch wir müssen bald sterben,

Aber wie ein Narr planen wir, lange zu leben.

Lama, denke an uns, betrachte uns schnell mit Mitgefühl.

Segne uns, dass wir all unsere Intrigen eindämmen."

Nachdem man kontempliert und erkannt hat, dass das eigene Leben kostbar ist, und nachdem man Entsagung entwickelt hat, muss man erkennen, dass sich alles ändert und nichts von Dauer ist. Man mag annehmen, dass man ewig leben wird, aber wenn man genau hinschaut, wird man erkennen, dass das nicht stimmt. Wenn man über die Vergangenheit nachdenkt, wird man feststellen, dass kein einziges Lebewesen, das geboren wurde, nicht gestorben ist. Das gilt auch für uns. Auch wir werden früher oder später sterben. Wenn wir also erkennen, wie kostbar unser Leben ist, dann wissen wir, wie wichtig es ist, zu praktizieren.

Vor ein paar Wochen erzählte uns Chöje Lama Phuntsok, dass ihn jemand während eines Vortrags fragte, ob er Angst vor dem Tod habe. Er antwortete, dass er eigentlich keine Angst vor dem Tod hat, aber Angst davor, bei einem plötzlichen Unfall zu sterben. Menschen, die bei Unfällen sterben, haben sehr negative Gefühle und machen sehr emotionale Erfahrungen, wie zum Beispiel Wut. Chöje Lama sagte, er habe Angst davor, auf diese Weise zu sterben.

Der Tod ist die Wahrheit der Vergänglichkeit und kann nicht vermieden werden, aber es gibt Methoden, um gut zu sterben, wenn es auf natürliche Weise geschieht. Wenn jemand weiß, wie man Phowa praktiziert, dann kann er es praktizieren, wenn er weiß, dass er stirbt. Oder man kann sich "Den Lama aus der Ferne rufen" ins Gedächtnis rufen; man muss nicht alle Namen im Gebet rezitieren, sondern sich nur erinnern und sprechen: "Lama Chenrezig, jetzt." Wenn man gute Wunschgebete macht und diese Praxis zu Lebzeiten ausübt, kann man auch nach dem Tod so praktizieren. Das ist der Grund, warum wir den Dharma im Leben praktizieren. Ich habe über die Notwendigkeit gesprochen, für seinen Lebensunterhalt zu arbeiten, aber man muss auch an den Tag denken, an dem man sterben wird.

Das Sterben ist wie der Prozess, den man durchläuft, wenn man einschläft. Man denkt darüber nach, was man am nächsten Tag tun will oder muss, bevor man einschläft, und erinnert sich daran, wenn man am nächsten Morgen aufwacht. Beim Sterben fällt man in einen Zustand der Bewusstlosigkeit, der dem Tiefschlaf ähnelt. Danach erfährt man die Kraft des Übergangs, die vom eigenen Karma abhängt. Wenn man im Leben geübt hat und langsam stirbt, kann man zu diesem Zeitpunkt seine karmische Kraft positiv beeinflussen, ähnlich wie wenn man sich an das erinnert und tut, was man sich vor dem Einschlafen in der Nacht zuvor vorgenommen hat. Während man stirbt, ist es sehr vorteilhaft, seinen Körper entspannt zu halten, seinen Geist ruhig zu halten, eine gute und reine Motivation zu haben, seine Aufmerksamkeit auf die Gebete zu richten, die man gelernt hat, und positiv zu sein. Man sollte sein Bestes tun, um durch Übung im Leben positiver zu werden, was einen darauf vorbereitet, mit seinem Tod umgehen zu können. Das Rezitieren des "Dewachen-Gebetes", das wir alle kennen, ist dann besonders nützlich.

Der Buddha lehrte zwei Sätze: "Von allen Fußabdrücken, die im Dschungel gemacht werden, ist der Fußabdruck des Elefanten der größte. Von allen Erkenntnissen, die man erlangen kann, ist das Wissen um die Vergänglichkeit das Größte." Gibt es im Westen Fußabdrücke, die größer sind als die eines Elefanten?
Übersetzer: Nein, ich glaube nicht. Die Dinosaurier in früheren Zeiten.
Khenpo: Was ist das?
Übersetzer: Die riesigen Tiere, die vor der Eiszeit lebten.
Khenpo: Wie Godzilla?
Schüler: Nein, Dinosaurier sind historisch.
Khenpo: Vielleicht gab es diese Art von Tieren in Indien zur Zeit des Buddha nicht. Ich habe in Büchern über sie gelesen, aber in meinem Dorf habe ich diese Tiere nicht gesehen. Sich der Vergänglichkeit bewusst zu sein, inspiriert einen wirklich zum Praktizieren. Wenn man immer wieder über die Unbeständigkeit nachdenkt, wird man seine Praxis nie verlieren.

Vor ein paar Jahren plante ich, Land zu kaufen und darauf ein kleines Retreat-Haus für die Mönche und mich zu bauen, denn die jungen Mönche in Lekshey Ling schreien sehr viel. Ich habe mich in ein sehr ruhiges Haus oberhalb unseres Klosters geflüchtet, weil mein Zimmer in der Nähe des Geländes liegt, wo die kleinen Mönche spielen und ziemlich laut sind, besonders an den Wochenenden. Ich halte sie nicht davon ab, weil ich als Kind gerne gespielt habe. Leider haben sie angefangen, auf dem Gelände in der Nähe des Hauses auf dem Hügel zu spielen und Ärger zu machen. Ich hatte vor, das Exerzitienhaus zu bauen, bevor das passierte, aber dann hörte ich von einem tragischen Vorfall über Vergänglichkeit und sagte mir, ich solle meine Pläne zurückstellen. Eigentlich kenne ich viele Lehren des Buddha, aber sie haben mir damals nicht geholfen. Die Wahrheit der Vergänglichkeit half mir, weiter zu praktizieren und mich auf die Reise vorzubereiten, anstatt Pläne für ein luxuriöses Leben zu schmieden. Der Gedanke an die Vergänglichkeit beruhigt mich wirklich, wenn Probleme auftauchen, zum Beispiel wenn ich Geld oder Dinge verliere. Früher oder später muss man sich sowieso von allem trennen, was man verliert, also hilft es, sich keine Sorgen zu machen, wenn man über die Vergänglichkeit aller Dinge nachdenkt. Ich glaube, es hilft sehr, über die Vergänglichkeit nachzudenken.

Übersetzer: Von welchem Vorfall hast du gehört, als du deine Pläne aufgegeben hast?
Khenpo: Willst du das wirklich wissen?
Übersetzer: Ja.
Khenpo: Ein Ehepaar hat ein sehr schönes Haus vor unserem Kloster gebaut und der Ehemann, der ein Verwandter von Lama Phuntsok ist, ist eine Woche nach dem Einzug an Leukämie gestorben. Als ich davon hörte, hatte ich wirklich das Gefühl, dass es sinnlos ist, Pläne zu machen, sondern dass man einfach an dem arbeiten muss, was gerade passiert. Verlassen Sie sich also nicht auf mich, wenn Sie irgendwelche Pläne haben, sondern machen Sie einfach weiter. Ich werde nur den richtigen Weg gehen - das hoffe ich.

Lassen Sie mich Ihnen etwas über das Klosterleben erzählen. Früh am Morgen läutet die Glocke zum Aufstehen. Fünfzehn Minuten später wird die Glocke erneut geläutet und informiert alle darüber, dass es Zeit für den Unterricht ist. Die meisten Mönche sind Anfänger. Es wird ein Zeitplan für den ganzen Tag erstellt. Jeden Tag hören wir die Glocke oft läuten. Wenn wir die Vergänglichkeit vollständig erkannt haben, brauchen wir die Glocke nicht mehr zu läuten. Wir werden dann sehr früh aufstehen und so viel wie möglich praktizieren. Wenn wir uns der Unbeständigkeit wirklich bewusst sind, werden wir keine Ratschläge brauchen, um den richtigen Weg zu gehen, sondern nach Möglichkeiten suchen, selbst zu praktizieren. Bis dahin ist es notwendig, die Glocke zu läuten. Niemand hat bei dir geklingelt, um hier zu den Lehren zu kommen. Das müssen wir im Kloster tun. Ich denke, dass die Tatsache, dass ihr hierher gekommen seid, ein kleines Ergebnis des Verständnisses der Unbeständigkeit ist. Deshalb ist die Unbeständigkeit der wahre Ratgeber, so wie es der Buddha gesagt hat: "Sich der Vergänglichkeit bewusst zu sein, ist das Höchste."

Über Vergänglichkeit nachzudenken wird sehr nützlich sein, wenn man plant, mit seinem sehr guten menschlichen Körper Unsinn zu machen. Du wirst niemanden finden, der Vergänglichkeit auf dem Markt verkauft. Niemand kann sie verschenken, und sie kann nicht gestohlen werden. Es gibt keinen anderen Weg, die Vergänglichkeit zu verstehen, als immer wieder darüber nachzudenken. Wenn du merkst, dass du das nicht tust, dann mache Wunschgebete, um die Unbeständigkeit auf die richtige Weise zu erkennen. Dann wird deine Praxis gut verlaufen.

Ich denke, am Anfang ist alles schwierig. In den letzten Jahren habe ich über mein Motorrad-Training gesprochen und habe immer noch eine Menge schwarzer und blauer Flecken. In dem Dorf, aus dem ich komme, gibt es keine Motorräder. Mein Dorf ist von Wäldern umgeben und natürlich gefällt es mir dort sehr gut. Am Anfang war es schwierig für mich, Motorradfahren zu lernen, aber jetzt ist es einfach. So ist es, am Anfang ist das Üben gar nicht so einfach. Wünscht euch also nicht, im Lotto zu gewinnen, sondern wahre Entsagung zu haben, ein sinnvolles Leben zu führen und die Vergänglichkeit zu verstehen. Das sind die richtigen Arten von Wunschgebeten, genau wie es im obigen Vers steht, also lasst uns das nicht vergessen.

Man muss über diese Dinge genau Bescheid wissen, bevor man sich auf den Hauptteil der Ngöndro-Praxis einlässt. Man beeilt sich, Ngöndro zu beenden und denkt dann: "Jetzt bin ich fertig. Jetzt brauche ich Mahamudra- oder Dzogchen-Unterweisungen." Das ist in Ordnung, aber ich glaube nicht, dass das ein guter Weg ist. Ich glaube nicht, dass man sich so sehr beeilen muss. Wenn man Ueberdruss, "Entsagung", hat, kann man seinen Geist dem Dharma zuwenden und seinen Geist stark machen. Ich denke, das ist sehr wichtig.

Drikungpa lehrte: "Unabhängig von der tatsächlichen Praxis ist Ngöndro am tiefsten." Er sagte, dass unter den Hauptpraktiken die vorbereitenden Praktiken am wichtigsten sind - sie sind das Fundament. Architekten wissen, dass sie ein gutes Fundament bauen müssen, wenn sie ein gutes Haus bauen wollen. Vor ein paar Jahren habe ich in Sikkim gesehen, dass ein neues Gebäude verschwunden war. Ich glaube nicht, dass die Ingenieure, die es gebaut haben, einen Fehler gemacht haben, sondern ich denke, dass es von den starken Regenfällen weggespült wurde, aber das Fundament war wahrscheinlich nicht gut. Ich denke, es wird etwas schwierig sein, den Dharma zu praktizieren, wenn man kein Fundament hat. Also, wie gesagt, macht immer Wunschgebete dafür.

"Wir werden von unseren engsten Freunden getrennt werden.

Andere werden den Reichtum genießen, den wir als Missetäter behalten haben.

Sogar unser Körper, der uns so lieb ist, wird zurückgelassen werden.

Und unser Bewusstsein wird richtungslos in den Bardos von Samsara umherwandern.

Lama, denke an uns, betrachte uns rasch mit Mitgefühl.

Segne uns, dass wir die Vergeblichkeit dieses Lebens erkennen."

Zusammengefasst ist diese Strophe die Bitte: "Segne mich, damit ich nichts anderes brauche." Jeder Vers ist wichtig und deshalb hat Jamgon Kongtrul Lodrö Thaye diesen Vers verfasst und hier platziert.

Im Kapitel über Hingabe im "Bodhicharyavatara" schrieb Shantideva: "Möge ich gesund sein und mich mit einfacher Nahrung zufrieden geben." Dieses Wunschgebet spreche ich immer wieder, weil ich ein Problem mit meiner Zunge habe, die nur gute Nahrung braucht. In diesem Gebet sagt uns Shantideva, dass er nur einfache Nahrung braucht, um gesund zu bleiben. Wie Kekse? Nein? Wie Brot oder Chapatti? Jeder Mensch ist anders. Lama Tsultrim, der mich vor ein paar Jahren auf meinen Reisen begleitete, aß alles, was die Leute ihm gaben; er war zufrieden, wenn sein Magen voll war, aber für mich ist das nicht in Ordnung. Wenn Lama Kelzang, der residierende Lama in Kamalashila, glücklich ist, dann kocht er wirklich gut; wenn er nicht so glücklich ist, kocht er nicht gut. Ich bin ein Gast im Kamalashila, und wenn Lama Kelzang kocht, sieht er mir ins Gesicht und braucht mich nicht zu fragen, ob das Essen gut ist oder nicht - er wird es an meinem Gesicht erkennen. So rezitiere ich dieses Gebet immer wieder, und in diesen Tagen fühle ich mich ein wenig besser als früher. Ich mache mir nicht mehr so viele Gedanken über das Essen, aber es ist immer noch ein Problem.

Wenn wir alt werden, wird die Anhaftung, das "Anhaften", stärker. Hunde bellen viel, wenn sie alt werden. Deshalb gibt es das Sprichwort: "Ein Hund wird wütender, wenn er alt wird, und Menschen haben mehr Anhaftung, wenn sie alt werden." Ob es nun stimmt oder nicht, wenn man Wunschgebete macht und es passiert, dass man nichts braucht, dann wird man mehr Frieden haben. Für mich ist zum Beispiel Kleidung nicht wichtig, nur Essen. Ich habe kein Problem und brauche nichts, wenn ich in ein großes Kaufhaus für Kleidung gehe. Aber der Media-Markt ist ein Problem für mich, da muss ich aufpassen und mehr Wunschgebete machen, dass ich nicht noch mehr elektronische Sachen brauche.

Ich weiß nicht, wer das Chili mitgebracht hat, das auf dem Tisch liegt. Ich weiß nicht, wann ich kochen werde. Chili ist kein Problem für Leute, die es nicht mögen. Kannst du es essen?
Schüler: Ja.
Übersetzer: Ein kleines bisschen.
Khenpo: Werden Sie es auf dem Markt kaufen?
Übersetzer: Oh ja. Ich koche nach indischer Art.
Khenpo: Aber wenn es jemandem nicht schmeckt, wird er sein Geld nicht sparen, um es zu kaufen.
Übersetzer: Es hält sich sehr lange.
Khenpo: Es wäre so schön, wenn unser Geist nichts anderes bräuchte. Ich habe keine Probleme, wenn ich etwas nicht mehr mag, und es ist sicherer.

Wenn man zurückblickt, wird man wissen, dass die Probleme aus dem eigenen Geist kommen. Wenn man ein Arhat wird, der nichts braucht, wird man sicherer sein. Ich denke also, dass das obige Gebet wichtiger ist als die anderen. Jeder hat Erfahrungen mit Handys und sie sind ein großes Problem. Wenn ich ein neues brauche, muss ich Geld sparen, im Internet nachschauen, welches Modell das beste ist, und auf den Markt gehen. Es gibt viele Dinge zu tun, wenn man ein neues Handy braucht. Man ist sicherer, wenn man keine Wünsche im Kopf hat. Das Leben wird angenehmer sein, wenn man Wunschgebete macht, um keine Wünsche zu haben, und es wird weniger Arbeit sein. Selbst wenn man nichts hat, betet man: "Bitte segne mich, damit ich friedlich und liebevoll leben kann."

 

4) Karma

"Vorne wartet die schwarze Dunkelheit der Angst darauf, uns zu verschlingen;

Von hinten jagt uns der heftige rote Wind des Karmas.

Die abscheulichen Boten des Herrn des Todes schlagen und stechen uns,

Und so müssen wir die unerträglichen Leiden der niederen Reiche erfahren.

Lama, denke an uns, betrachte uns rasch mit Mitgefühl.

Segne uns, dass wir aus den Abgründen der niederen Bereiche befreit sind."

Dieser Vers handelt von Handlungen, ihren Ursachen und Wirkungen. Jedes Leiden oder jede Freude, die man erfährt, ist das Ergebnis der eigenen Handlungen. Tugendhafte und nicht-tugendhafte Handlungen erschaffen die sechs Daseinsbereiche. Die niederen Daseinsbereiche (Höllen-, Hungergeister- und Tierreich) werden durch böswillige Handlungen geschaffen, die höheren Bereiche (Menschen-, Halbgötter- und Götterreich) durch wohlwollende Handlungen. Nimmt man den menschlichen Bereich, so kann man sehen, dass die Menschen eine große Vielfalt an Erfahrungen machen und unterschiedliche Situationen ertragen müssen. Menschen, die in diesem Leben Verbrechen begangen haben, müssen Zeit im Gefängnis verbringen, und Menschen, die Gutes getan haben, geht es gut. Wenn man sich selbst betrachtet, erkennt man, dass man nicht nur Gutes getan hat, sondern auch sehr viel Schlechtes. Deshalb ist es wichtig, ehrlich zu sich selbst zu sein, seine negativen Handlungen zu bereuen, sich zu entschließen, sie nicht zu wiederholen, und zu beten: "Im Bewusstsein, in der Vergangenheit sehr schädliche Handlungen begangen zu haben, die unweigerlich dazu führen werden, dass ich in niederen Daseinsbereichen wiedergeboren werde, bedauere ich, dass ich nichttugendhafte Handlungen begangen habe, beschließe, sie nicht zu wiederholen, und bitte um Segen, dass ich nicht in den niederen, sondern in den besseren Bereichen wiedergeboren werde, damit ich das tun kann, was nützlich und gut ist." Es ist sehr wichtig, diesen Wunsch zu haben und sein Bestes zu tun.

Buddha lehrte bei vielen Gelegenheiten, dass das schrecklichste Leiden in den kalten und heißen Bereichen der Hölle erfahren wird und dass eine unvorstellbare Anzahl von Wesen dort geboren wird und lebt. Der Buddha beschrieb, auf welche Weise jemand, der in einem der Höllenreiche lebt, immer wieder erlebt, dass er bei lebendigem Leibe verbrannt wird, oder dass er gekocht wird, oder dass er von scharfen Waffen in Stücke geschnitten wird, oder dass er gewaltig friert, und so weiter. Die Höllen sind keine Orte, denn alles wäre zu Asche verbrannt und jeder hätte abgetrennte Gliedmaßen, wenn dies der Fall wäre. Der Buddha sagte, dass die Höllenwesen immer und immer wieder die gleichen quälenden Erfahrungen machen. Und so erfährt ein bestimmter Geist die Erscheinung eines karmischen Ergebnisses, das die gleiche Qualität hat wie die Handlung, die von diesem Individuum ausgeführt wurde. Dieser Prozess wiederholt sich immer und immer wieder, bis das spezifische Karma, das die resultierende Erfahrung verursacht hat, aufgebraucht ist. Lassen Sie mich dies aus einem anderen Blickwinkel erklären: Jeder Mensch empfindet individuell und anders. Jemand, der diesen Raum betritt, denkt und erlebt zum Beispiel, dass alles, was er oder sie sieht und hört, real ist; alle anderen im selben Raum machen andere Erfahrungen und niemand erlebt das, was die Person, die den Raum gerade betreten hat, wahrnimmt und denkt. In gleicher Weise hängt jede Erfahrung, die man macht, vom eigenen Karma ab, d.h. von den Ursachen und Bedingungen, die man selbst geschaffen hat. Infolgedessen erlebt der Geist Erscheinungen, die aus den eigenen Handlungen der Vergangenheit entstehen. Im Bewusstsein des Gesetzes von Ursache und Wirkung ist es wichtig, Gebete zu rezitieren und den Lama um Hilfe und Segen zu bitten, um die Kraft zu haben, keine weiteren negativen Ursachen zu schaffen, die zu zukünftigen schmerzhaften Ergebnissen führen, und um in der Lage zu sein, die Ergebnisse des eigenen vergangenen negativen Karmas zu reinigen und zu beseitigen, bevor es reif wird.

Lassen Sie mich das Karma in Verbindung mit den drei niederen Daseinsbereichen erklären. Wenn man davon ausgeht, dass das Leiden, das man in der Hölle, dem hungrigen Geist und dem Tierreich erfährt, Ergebnisse sind, die durch die eigenen vergangenen negativen Handlungen eines Wesens verursacht wurden, ist es logisch, dass diese Reiche nicht an einem bestimmten Ort liegen. Die mächtigste Waffe gegen diese sehr schmerzhaften Erfahrungen ist die Verwirklichung von letztem Bodhicitta, d.h. die Erkenntnis, dass jede Erscheinung und Erfahrung keine wahre Existenz hat und daher eine Illusion ist. Wenn man das ultimative Bodhicitta verwirklicht, dann wird jede schmerzhafte Erfahrung überwunden. Dennoch ist es nicht einfach, höchstes Bodhicitta zu verwirklichen. In der Zwischenzeit ist das Rezitieren des Gebets "Aus der Ferne zum Lama rufen" sehr, sehr hilfreich. Zum Beispiel erlebt man so viele Dinge, während man träumt - erschreckende und bedrohliche Bilder erscheinen im Geist, während man träumt, aber man kann auch schöne Träume haben. Es ist sehr hilfreich, sich an seinen Lama zu erinnern und seinen Segen zu erbitten, wenn man einen Albtraum hat, genauso wie wenn man im Wachzustand Gefahren und Schmerzen erlebt. Selbst Lebewesen, die im extremen Leiden der Höllen gefangen sind, können sich an ihren Lama oder Guru Rinpoche oder Chenrezig oder Gyalwa Karmapa erinnern und sie um Hilfe bitten. Wenn man die Verbindung zu seinem Lama kultiviert und vertieft, indem man regelmäßig Guru-Yoga praktiziert, wird man in der Lage sein, in jeder Situation spontan um seinen Segen zu bitten und, nachdem man aufrichtig darum gebeten hat, seine Hilfe zu erhalten.

Eine der am weitesten verbreiteten Praktiken in Tibet ist das Anrufen des Lamas, um die Guru-Schüler-Beziehung zu vertiefen. Wenn man sich bemüht, diese Beziehung zu intensivieren, wird man offener sein und seinen Glauben und seine Hingabe für das makellose Objekt der Zuflucht, seinen Lama, der seine Schüler niemals im Stich lässt, verstärken. Durch die Kraft der Hingabe an seinen Lama ist es möglich, schmerzhafte Ergebnisse zu überwinden, die man aufgrund seines vergangenen negativen Karmas erfährt. Zum Beispiel ist die Beziehung zwischen einer Mutter und ihrem Kind sehr tief und stark. Manchmal schreien kleine Kinder "Mama, Mama", wenn sie weit weg sind. In diesem Moment spürt die Mutter, obwohl sie ihr Kind unmöglich weinen hören kann, dass es nach ihr ruft. Das passiert - die Verbindung ist erstaunlich. Die Beziehung zwischen Guru und Schüler ist ähnlich, und die Herz-zu-Herz-Verbindung ist wirklich stark.

Wenn Menschen aus dem Westen krank werden, rufen sie manchmal Lamas im Osten um Hilfe an, und wir machen dann von dort aus Pujas für sie. Wenn es eine direkte Verbindung gibt, dann ist Hilfe möglich und sie geschieht auch. Aber ich denke, die Verbindung muss eine Herzensverbindung sein, nicht nur Worte zu einer guten Melodie. Manche Sänger können wirklich gute Melodien singen, und Lautsprecher machen ihre Stimmen lauter. Ich glaube nicht, dass ein Lautsprecher und gute Worte zu einer schönen Melodie helfen, das Lama anzurufen. Die Hauptsache ist, dass man den Segen seines Lamas in seinem Geist, in seinem Herzen haben möchte.

Die Menschen denken "Lama, Lama", wenn sie einen Tibeter sehen, der eine Robe trägt, besonders in Deutschland. In den Dharma-Zentren in Amerika denken die Leute "Khenpo, Khenpo", wenn sie einen tibetischen Mönch sehen. An anderen Orten sagen sie: "Ein Mönch", wenn sie einen Lama sehen. Ich weiß nicht, ob die Leute an anderen Orten seltsame Dinge sagen. In Tibet ist es ein hohes Gut, jemanden "Lama" zu nennen. Es bezieht sich auf jemanden, der anderen wirklich hilft und der den guten Weg der Buddhas und Bodhisattvas zeigt - das ist eigentlich der Lama, andere Leute sind Praktizierende. Wir sind alle Praktizierende, oder ein Mönch wie ich, oder eine Nonne. Heutzutage hört man überall den Titel "Lama, Lama", daher besteht die große Möglichkeit, dass man beim Rezitieren dieses Textes Fehler macht. Wenn ihr also Wunschgebete sprecht oder euch auf Diskussionen einlasst, solltet ihr wissen, dass ein Lama jemand ist, der wirklich den Weg lehren kann, der Schüler einen Yidam praktizieren lassen kann, der der Gyalwa Karmapa für Kagyüpas oder der Dalai Lama für Gelugpas ist, auch wenn man keine Belehrungen von ihnen erhalten hat.

Frage: Kann man sich auf diese Praxis einlassen und den Text rezitieren, wenn man keinen Lama oder spirituellen Freund hat oder wenn man sich nicht mit jemandem verbunden fühlt, von dem man gehört oder den man gesehen hat?
Khenpo: Ich denke, dass es ein bisschen schwierig ist. Wir brauchen einen Schwerpunkt, sonst wird es nicht sehr stark sein. Hingabe ist das Wichtigste. Es ist sehr schwierig, wenn man keine Hingabe hat, was ein sehr wichtiger Faktor ist. In der Kagyü-Tradition wird gelehrt, dass bedingungslose Hingabe und Respekt vor dem eigenen Lama das Wichtigste sind. Ohne Hingabe wäre es nutzlos, das Mantra des Gyalwa Karmapa zu wiederholen, selbst wenn er hier auf dem Thron säße und man zu seinen Füßen säße - es wäre ein Handeln, als würde man schlafen. Andererseits kann man weit, weit weg von Seiner Heiligkeit dem Karmapa sein, vielleicht nur ein Foto von ihm gesehen haben, aber tiefe Hingabe empfinden - dann hat man eine Verbindung.

Jamgon Kongtrul Lodrö Thaye, der das Buch "Calling the Lama from Afar" (Den Lama aus der Ferne rufen) verfasst hat, sagt uns, dass Hingabe von unserem eigenen Geist abhängt. Wenn man aufrichtige Hingabe hat und sich an eine gewöhnliche Person wendet, die keine Erfahrung hat und die keine unveränderliche Einsicht verwirklicht hat, dann wird man den Segen eines Buddhas erhalten. Wenn man andererseits keine tiefe Hingabe für einen Heiligen und Weisen hat und denkt, dass er Fehler hat, während man sich an ihn wendet, dann könnte selbst ein Buddha nur den Segen eines fehlerhaften Wesens gewähren. Die Segnungen, die man erhält, hängen also von der Hingabe an den Lehrer und Führer ab, den man schätzt und verehrt.

Fasst man die bisherigen Unterweisungen zusammen, so ist es sehr wichtig zu verstehen, dass die vorbereitenden Praktiken, die oft vernachlässigt und ignoriert werden, unerlässlich sind. Es ist unmöglich, den Dharma zu praktizieren, und man wird mit Sicherheit in die Irre gehen, solange man Samsara nicht entsagt hat, d.h. solange man nicht aufgegeben hat, seiner Faszination für oberflächliche Dinge zu erliegen. Um den Dharma richtig zu praktizieren, muss man definitiv wissen, dass alle illusorischen Erscheinungen trügerisch und nicht wertvoll sind. Nachdem man den weltlichen Wegen entsagt hat, muss man anerkennen, dass man ein menschliches Leben erlangt hat, das selten und kostbar ist, weil man mit der Muße und den Ressourcen (den acht Gelegenheiten und zehn Errungenschaften) ausgestattet ist, die es einem ermöglichen, ein sinnvolles Leben zu führen. Nachdem man erkannt hat, dass man ein seltenes und kostbares menschliches Leben hat, muss man unbedingt erkennen, dass alles vergänglich ist, dass man nicht weiß, wann man sterben wird, und deshalb beschließt man, die bestmögliche Nutzung seines Lebens nicht aufzuschieben. Wenn man erkennt, dass man keine Zeit zu verlieren hat, muss man wissen, dass alle eigenen Handlungen alle eigenen Erfahrungen bestimmen, ob man will oder nicht. Da man weiß, dass Karma unfehlbar ist, tut man sein Bestes, um sich für das eigene Wohlergehen und das der anderen einzusetzen. Das Gesetz des Karmas wird in vielen Büchern sehr detailliert erklärt, und Sie haben wahrscheinlich viele Belehrungen zu diesem Thema erhalten, aber lassen Sie mich betonen, dass es von entscheidender Bedeutung ist, zu verstehen, dass man nicht einfach tun sollte, was einem in den Sinn kommt, sondern dass man sich der Konsequenzen all seiner Handlungen bewusst sein muss. Es ist nicht leicht, die volle Bedeutung der vorbereitenden Praktiken in sein Leben zu integrieren, und deshalb betet man zu seinem Lama um seinen Segen.

Ob man nun Guru Rinpoche, den Edlen Chenrezig oder Arya Tara meditiert, man kombiniert und vereint die Yidam-Praxis mit dem Guru-Yoga, indem man weiß, dass der eigene Wurzellama sich als der Yidam manifestiert, den man meditiert, und dass er im Grunde untrennbar mit diesem Bild verbunden ist. Wenn man diese Praxis beherrscht und seinen Lama anruft, wird man sich mit ihm auf einer sehr tiefen, herzlichen Ebene verbinden und er wird einen vor der Angst schützen, die man während des Träumens, in bedrohlichen Situationen im Leben und während des Zwischenzustands des Bardo nach dem Tod erlebt.

 

DIE ACHT FEHLER

1) Arroganz und Stolz

"Wir verbergen in uns selbst einen Berg von Fehlern;

Dennoch setzen wir andere herab und verbreiten ihre Mängel, auch wenn sie so klein wie ein Sesamkorn sind.

Obwohl wir nicht die geringsten guten Eigenschaften haben, prahlen wir damit, wie großartig wir sind.

Wir tragen das Etikett von Dharma-Praktizierenden, praktizieren aber nur Nicht-Dharma.

Lama, denke an uns, betrachte uns rasch mit Mitgefühl.

Segne uns, dass wir unseren Stolz und unsere Selbstbezogenheit verlieren."

Stolz ist unser wichtigster Fehler, und er ist schwer zu erkennen. Man könnte fragen: "Was ist daran falsch?" Aufgrund der Macht der Arroganz und des Stolzes ist man nicht in der Lage, die eigenen Fehler zu sehen und denkt, dass alles, was man ist und tut, großartig ist. Anstatt ehrlich und kritisch mit sich selbst umzugehen, schaut man auf andere und sieht in ihnen nur Fehler und kritisiert alles, was sie tun. Da wir alle stolz sind, ist das ein großes Problem. Deshalb schrieb Jamgon Kongtrul Lodrö Thaye das aufrichtige Gebet, um die Fähigkeit zu erlangen, zu erkennen, dass wir stolz sind und diesen sehr negativen Fehler überwinden können.

Zu der Zeit, als "Der Ruf an den Lama aus der Ferne" verfasst wurde, hatten die Tibeter ein großes Problem mit Stolz. Viele Lamas hielten sich für hochstehend, weil sie schöne Roben, einen besonderen Hut oder eine gute Mala hatten, und zeigten mit dem Finger auf die Lamas, denen es äußerlich nicht so gut ging. Sie sahen gut aus, aber was sie taten, war nicht der richtige Dharma. Wenn man nicht eingebildet ist, glaube ich nicht, dass solche Dinge passieren.

Nicht alle Lebewesen sind so arrogant und stolz wie andere. Aber es hat schlimme Folgen, wenn der Stolz nicht beseitigt wird, denn er hindert einen daran, die Qualitäten anderer zu sehen, und bringt einen sogar dazu, die Qualitäten anderer für Fehler zu halten. Ein stolzer Mensch wendet seine Aufmerksamkeit nach außen und sucht nach Fehlern in anderen. Natürlich ist jeder stolz, aber man muss es bemerken. Stolz ist nicht so offensichtlich wie die anderen Geistesgifte und daher schwieriger zu erkennen.

Das Ziel der Dharma-Praxis ist es, die eigenen Geistesgifte zu überwinden, und Stolz ist genauso ein Geistesgift wie Gier, Eifersucht, Hass usw. Man mag eine Weile studiert, meditiert und ein Mantra wiederholt haben, aber was nützt es, wenn man einfach da sitzt und denkt: "Oh, ich habe so viel studiert, meditiere seit so vielen Jahren und habe Tausende von Mantras wiederholt. Ich bin einfach großartig!"? Ich habe Geistesgifte, genau wie jeder andere; ich bin neidisch, fühle mich stolz und so weiter und könnte herumsitzen und denken: "Ich bin ein Khenpo. Ich habe viel studiert und bin berechtigt, auf einem hohen Thron zu sitzen." Wenn man stolz ist und jemanden sieht, der höher sitzt als man selbst, könnte man sich fragen: "Wie viel hat er studiert? Ist es in Ordnung, dass er höher sitzt als ich?"

Was kann man gegen eine solche eingebildete Haltung tun? Es ist wichtig, zu bemerken, dass man stolz ist. Bemerken ist das Gegenmittel, denn dann kann man aufhören, aufgeblasen zu sein, und sich ein wenig bescheidener verhalten. Da Stolz eine so verborgene Eigenschaft ist, ist es sehr wichtig, offen genug zu sein, um zu erkennen, dass man dieses Problem hat, den Wunsch zu entwickeln, es zu überwinden, und den eigenen Lama um seine Hilfe und seinen Segen zu bitten. Stolz ist ein Hindernis für die Dharma-Praxis. Man nimmt den Rat eines spirituellen Freundes oder von Freunden nicht an, wie man die eigenen Fehler korrigieren kann, wenn man aufgrund seiner Arroganz meint, es sowieso besser zu wissen. Stolz ist ein großes Hindernis, und deshalb beten wir zu unserem Lama, dass er uns hilft, ihn zu überwinden.

Man muss seine Aufmerksamkeit darauf richten, seinen Stolz, seine Abneigung und seinen Hass auszulöschen. Eine Person, die frei von diesen drei Fehlern ist, hat keine Schwierigkeiten, mit anderen auszukommen. Solange man diese sehr starken Fehler hat, wird es schwer sein, mit jemandem Freundschaft zu schließen.

In unserem Kloster gibt es einen sehr netten Lama, der ein dreijähriges Retreat absolviert hat. Ich kann sehen, dass er nicht viel Stolz hat, und ich habe ihn nie wütend werden sehen. Er sagt immer: "Okay, okay, okay". Es ist für ihn in Ordnung, wenn jemand etwas Gutes zu ihm sagt, und es ist auch in Ordnung für ihn, wenn jemand etwas Schlechtes zu ihm sagt. Er hat so viele Freunde und kann mit uns reden. Er kann auch mit Kindern reden und spielen. Er macht keinen Unterschied zwischen Kindern und uns. Ich glaube, das ist eine Folge davon, dass er weniger Stolz hat. Wenn man Stolz hat, dann ist es "schwer".

Eigentlich sieht ein wirklich guter Praktizierender so aus, als ob er immer mit den wirklichen Feinden kämpft - Stolz, Ärger und so weiter. In den Lebensgeschichten von sehr hohen Meistern liest man nicht, dass sie auf einem luxuriösen Thron saßen oder schicke Kleidung trugen. Sie waren so bescheiden, dass viele Menschen nicht erkannten, dass sie berühmte Lamas waren. Kürzlich sprach Lama Phuntsok über Khenpo Khedrub, der der Lehrer von Situ Rinpoche und Gyaltsab Rinpoche war. Er trug schäbige, alte Kleidung, sah aus wie ein Bettelmönch und wanderte von einem Kloster zum nächsten. In einem Kloster in Südindien machten die Mönche ein Picknick, nachdem sie ihre Prüfungen bestanden hatten. Als Khenpo Khedrub kam, fragten alle Mönche einander: "Wer ist dieser Bettelmönch?" Sie gaben ihm die Reste von ihrem Picknick. Er aß, was sie nicht wollten, dankte ihnen und ging. Am nächsten Morgen sahen sie ihn mit ihrem Meister sitzen, und alle schämten sich ein wenig. Das Problem war, dass die Mönche ihren Stolz nicht unter Kontrolle hatten. Für jemanden, der wenig oder keinen Stolz hat, macht es keinen Unterschied, ob er mit Bettlern oder mit jemandem in einer hohen Position zusammen ist.

Ich war sechs Jahre lang in Sikkim, und dort gab es einen jungen Nyingmapa-Meister namens Dangnyen Rinpoche. Er war ein großer Tertön, aber in diesem Leben hat er keinen Assistenten. Er trägt seine kleine Tasche, setzt sich an den Wegrand und bestellt bei den Leuten Tee. Wenn wir hohe Meister bei solchen Aktivitäten sehen, sollten wir wissen, dass sie ihren Stolz unter Kontrolle haben. Lassen Sie mich weitere Geschichten über die Kontrolle des Stolzes erzählen. Lama Phuntsok erzählte eine Geschichte, und eine handelt von Patrul Rinpoche. Jeder weiß, dass Patrul Rinpoche ein großer, großer Lehrer war. Sein Buch "Die Worte meines vollkommenen Lehrers" war in Tibet sehr berühmt, und jeder studierte und praktizierte es. Ich glaube nicht, dass er Stolz hatte und sicherlich dachte er nie: "Ich bin ein guter Schriftsteller."

Eines Tages umrundete Patrul Rinpoche eine Stupa. Ein alter Mönch hielt ihn an und fragte: "Was tust du da? Warum vergeudest du deine Zeit? Verschwende deine Zeit nicht auf diese Weise. Hast du nicht von dem Buch "Worte meines vollkommenen Lehrers" gehört?" Patrul Rinpoche antwortete nicht, und der alte Mönch sagte zu ihm: "Das ist nicht wichtig. Komm zu mir und ich werde es dich lehren." Patrul Rinpoche suchte den Mönch jeden Tag auf und hörte, wie der alte Mönch ihm einen großen Teil des Textes erzählte, den er selbst geschrieben hatte. Eines Tages fungierte Patrul Rinpoche als Assistent des alten Mönchs, während sie eine Stupa umrundeten und die Leute Niederwerfungen für den Assistenten machten. Der alte Mönch fragte die Leute: "Warum macht ihr Niederwerfungen vor ihm?" Sie antworteten: "Er ist der Autor der "Worte meines vollkommenen Lehrers". Der alte Mönch war schockiert und verlegen. Als Patrul Rinpoche am nächsten Tag an seine Tür klopfte, öffnete der Lehrer nicht. Patrul Rinpoche sagte später, dass diese Reaktion nicht gut war. Wenn der alte Mönch das Gespräch mit ihm beendet hätte, dann hätte er eine zweite Hälfte des Buches schreiben können, und es wäre eine besondere Verbindung gewesen. Dennoch ist die Hälfte, die wir haben, sehr gut.

"Worte meines vollkommenen Lehrers" ist bis heute ziemlich berühmt; ich glaube, es ist in alle Sprachen übersetzt worden. Ich lese viel darin, was wirklich schön ist, und es ist eines meiner Lieblingsbücher. Wenn man heute ein Buch schreibt, wird auf der Rückseite ein Foto abgedruckt, mit einem Text, der besagt: "Ich bin dies und ich bin das." Das ist doch etwas ganz anderes, oder? Wenn wir also über Geschichten wie die obige nachdenken, dann erkennen wir, dass große Meister, die Bücher wie "Die Worte meines vollkommenen Lehrers" verfasst haben, nicht wie andere Autoren sind und ihren Stolz unter Kontrolle haben. Sie leben wie normale Praktizierende.

Einmal wurde Patrul Rinpoche von seinen Anhängern verprügelt. Eine Gruppe von Leuten aus einem anderen Dorf war auf dem Weg zu dem Ort, an dem er sich angeblich aufhielt. Sie hatten jede Menge Tsampa und den besten getrockneten Käse in ihren Taschen, um ihm etwas anzubieten. Unterwegs traf Patrul Rinpoche diese Leute und fragte sie: "Wohin geht ihr?" Sie antworteten: "Wir sind auf dem Weg, um den großen Lama Patrul Rinpoche zu sehen. Er ist ein wirklich großer Bodhisattva, und wir wollen ihm all diese schönen Dinge geben." Patrul Rinpoche sah, dass sie viele schöne Dinge bei sich trugen und antwortete: "Glaubst du, dass er wirklich ein großer Bodhisattva ist? Ich glaube es nicht." Die Dorfbewohner wurden so wütend, schrien ihn an: "Warum redest du schlecht über unseren Meister?" und schlugen ihn zusammen. Er blieb wirklich weit weg von Einbildung. Ich mache viele Wunschgebete, um mich von Stolz und dem Gedanken, dass ich schöne Dinge verdiene, fernzuhalten.

Es gab einen Gelugpa-Meister namens Phari Rabsäl, der mit Ju Mipham Rinpoche befreundet war. Sie debattierten viel und Phari Rabsäl verlor immer. Manchmal haben Tibeter einen Ortsnamen, also ist Phari der Name seines Dorfes und Rabsäl ist sein Name. Natürlich war Phari Rabsäl ein großer Meister, sonst hätte er gar nicht erst mit Ju Mipham debattieren können. Phari Rabsäl verfasste ein sehr anspruchsvolles Buch mit dem Titel "Fackel der Gewissheit", als er sieben Jahre alt war. Es handelt von der Madhyamika-Philosophie und ist sehr schwer zu verstehen. Es heißt, dass er so gerne debattierte, dass er mitten in der Nacht in Ju Miphams Zimmer rannte, um ein Thema zu diskutieren, das ihm in den Sinn kam. Eines Tages begegnete Phari Rabsäl, der wie ein Bettler aussah, auf seiner Reise einem rundlichen Mönch, der Tsampa und Trockenfleisch in seiner Tasche hatte. Ich weiß nicht genau, welche Vorräte er hatte, aber Tsampa muss in seinem Beutel gewesen sein. Es gibt keine Restaurants an der Straße, also müssen wir das Restaurant mitnehmen, wenn wir in Tibet oder den Himalaya-Ländern unterwegs sind. Als er den Mönch traf, fragten sie sich gegenseitig: "Wohin gehst du?" Als sie sahen, dass sie an denselben Ort wollten, kamen sie überein, gemeinsam zu reisen. Der Mönch sagte Phari Rabsäl, dass er das Essen mit ihm teilen würde, wenn er die Last tragen würde. Er war gebildet und begann, Phari Rabsäl den Dharma zu lehren und gab ihm viele Anweisungen, was er tun und was er lassen sollte. Dann fragte der Mönch seinen Reisegefährten: "Wie ist dein Name?" und er antwortete: "Mein Name ist Rabsäl." Sie unterhielten sich weiter und nach einer Weile fragte der Mönch Rabsäl: "Woher kommst du?" Rabsäl antwortete: "Ich komme aus Phari." Sie gingen weiter und plötzlich war der Mönch erschrocken und fragte: "Bist du Phari Rabsäl?" Er war sehr berühmt und jeder kannte seinen Namen, aber sie wussten nicht, wie er aussah. Er sah aus wie ein Bettler, denn er wusste seinen Stolz zu beherrschen. Als der Mönch erkannte, wer sein Reisebegleiter war, schämte er sich dafür, dass er ihm seine Taschen hatte tragen lassen, ergriff sie und bat Phari Rabsäl um Vergebung. Diese Geschichte ist ein weiteres Beispiel dafür, wie große Meister ihren Stolz kontrollieren und überwinden.

Es ist schwierig, irgendwo zu bleiben, wenn man stolz ist. Selbst wenn es einen großen Sitz in einem großen Haus gibt, ist das nicht genug für jemanden, der arrogant und stolz ist. Ich denke, wenn wir es schaffen, mit unserem Stolz umzugehen und lernen, ihn zu kontrollieren, dann werden wir uns wohlfühlen, wo immer wir sind - ein luxuriöser Ort wird in Ordnung sein und ein schwieriger Ort wird in Ordnung sein. Jemand, der von Stolz durchdrungen ist, kann das nicht schaffen. Natürlich sind wir gewöhnliche Wesen und haben Stolz. Und deshalb müssen wir Wunschgebete an unseren Lama richten, damit er uns hilft, unseren eingebildeten Stolz abzubauen.

Frage: In zwei der Geschichten schämten sich die Personen, die den Meister nicht erkannten, sehr. Der alte Mönch weigerte sich sogar, Patrul Rinpoche die Tür zu öffnen, so sehr schämte er sich, und in der letzten Geschichte schämte sich der Mönch so sehr, dass er Phari Rabsäl seine Taschen tragen ließ. Was ist der Grund für diese Art von Scham?
Khenpo: Es ist nicht wirklich Scham, eher Verlegenheit. Warum sollte man sich schämen, da es keine Fehler waren?

Wir werden feststellen, dass wir viel friedlicher sind, wenn wir weniger Stolz haben. Ich kann euch nur davon erzählen, wie von den Süßigkeiten auf dem Tisch. Du kannst nur erkennen, dass die Bonbons süß sind, wenn du sie auf die Zunge legst und sie schmeckst. In dem kurzen Gebet "Den Lama aus der Ferne rufen" hat Jamgon Kongtrul Lodrö Thaye nur die allerwichtigsten Punkte gelehrt, und Stolz zu verringern ist wirklich sehr wichtig. Stellen Sie sich vor, wie friedlich man sein wird, wenn man den Stolz überwunden hat. Man wird keinen dauerhaften Frieden erfahren, solange man sich noch bemüht, aber man kann ein Gefühl dafür bekommen, so wie man sich vorstellt, wie gut Süßigkeiten lange Zeit schmecken, wenn man eine riesige Schüssel voller Süßigkeiten hat. Ich versuche auch mein Bestes, aber normalerweise arbeite ich in meinem Zimmer und habe nicht so viele Gelegenheiten zu üben, meinen Stolz zu zügeln. Im Unterricht kann ich jedoch üben, indem ich zuhöre, was die Leute sagen, und mich abkühle. Versuchen Sie also bitte, Ihren arroganten Stolz zu zügeln.

Wir werden nicht den ganzen Text durchgehen können, aber ich denke, es wäre gut genug, das, was man weiß, zu üben und selbst zu prüfen, ob es hilft, so wie man prüft, ob ein Arzt hilfreich ist, wenn man krank ist. Die Praxis ist wie die Medizin, die ein Arzt verschreibt, und einen Arzt zu wechseln, weil man die verschriebene Medizin nicht genommen hat, ist keine Lösung. Man wird nur wissen, ob eine Medizin hilft, wenn man sie einnimmt. Es wird immer wieder gelehrt, dass der Dharma wie eine Medizin ist. Nur die Lehren zu hören und zu kennen, wird nicht helfen - das glaube ich nicht. Wenn das ausreichen würde, wäre ich schon fast ein Bodhisattva oder ein Buddha, weil ich dies und jenes weiß.

 

2) Ego-Fixierung

"Wir verbergen in uns den Dämon der Ich-Bezogenheit, der uns immer ins Verderben führt.

Alle unsere Gedanken verursachen eine Zunahme von kleshas.

All unsere Handlungen haben nichttugendhafte Ergebnisse.

Wir haben uns nicht einmal dem Pfad der Befreiung zugewandt.

Lama, denke an uns, betrachte uns rasch mit Mitgefühl.

Segne uns, damit das Festhalten an einem Selbst entwurzelt wird."

Das Ego ist ein großes Problem. Dieser Vers befasst sich mit der Ich-Bezogenheit, die unser eigentliches Problem ist. Im Buddhismus unterscheiden wir zwischen gewöhnlichen Menschen und Arhats. Jemand, der die Ego-Anhaftung durchbrochen hat, ist ein Arhat, "ein Feindzerstörer", und jemand, der das nicht geschafft hat, ist ein gewöhnlicher Mensch. Wir können nicht wissen, wer dieses Ziel erreicht hat, also müssen wir hier vorsichtig sein. Wir haben über Ueberdruss gesprochen, "Entsagung von Samsara", die erste Anweisung des Gebetes, aber man ist immer noch in Samsara, solange man die Ego-Klammerung nicht durchbrochen hat. Manchmal geht man tanzen, manchmal lacht und singt man, manchmal ist man freundlich, manchmal kämpft man, manchmal ist man glücklich, und manchmal ist man traurig. Man macht so weiter.

Vajrayana-Praktizierende werden gelehrt, ihre vielen Feinde zu erkennen und sie an der Wurzel zu zerschneiden. Man versteht, dass es keinen Feind außerhalb von einem selbst gibt, sondern dass die Ego-Anhaftung der Hauptfeind ist, den man zu besiegen versucht. Während man ein Vajrayana Sadhana rezitiert, stellt man sich vor, dass man auf Dämonen herumtrampelt, wobei nicht die äußeren Dämonen gemeint sind, sondern der innere Dämon der Ego-Anhaftung und die Geistesgifte, die dadurch entstehen. Der wahre Feind ist also die Ego-Anhaftung.

Wenn wir den obigen Vers rezitieren, bitten wir unseren Lama, uns zu segnen, damit wir die Anhaftung und das Festhalten an einem Selbst entwurzeln. Es ist nicht leicht, aber sich entmutigt zu fühlen und zu denken, man könne dieses Ziel nicht erreichen, ist falsch und sollte individuell betrachtet werden. Manche Menschen haben die karmischen Veranlagungen, üben in diesem Leben und erlangen eine Verwirklichung, die es ihnen ermöglicht, die Ego-Klammerung sehr schnell zu durchbrechen. Für andere ist es schwierig, sie brauchen mehr Zeit. Auf jeden Fall ist es falsch zu denken, dass ein Anfänger den Glauben an ein Selbst nicht überwinden kann. Ein Anfänger muss sich darin üben, sich nicht von der Ego-Fixierung überwältigen zu lassen und zu lernen, sich nicht von übermäßigen Wünschen beherrschen zu lassen.

Das Mittel, um die Wurzel aller Probleme, nämlich die Ich-Fixierung, zu überwinden oder zu durchschneiden, ist, unterscheidendes Weisheitsbewusstsein zu erlangen, d.h. die Erkenntnis der Nicht-Existenz eines Selbst. Unterscheidendes Weisheitsbewusstsein entwickelt man, indem man zunächst die Madhyamika-Philosophie studiert und kontempliert, die den Schülern das Material bietet, um in allen Einzelheiten zu verstehen, dass ein Selbst nicht wirklich so existiert, wie man denkt, und dass der Glaube an ein Selbst unbegründet ist. Wenn man die Meditation auf der Grundlage seines intellektuellen Verständnisses praktiziert, wird man unterscheidendes Weisheitsbewusstsein erlangen, d.h. die Erkenntnis der Selbstlosigkeit. Das ist für einen Anfänger unmöglich. Wir sind alle gewöhnliche Wesen, daher wäre es gut zu wissen, dass das Festhalten an einem Selbst uns veranlasst, andere von uns selbst zu unterscheiden, und diese Trennung lässt unsere Geistesgifte entstehen - Hass, Gier, Eifersucht, Stolz und so weiter. Es ist notwendig zu verstehen, dass alle wahrgenommenen Erscheinungen und Erfahrungen im Leben trügerische Manifestationen unserer eigenen Geistesgifte sind, die aus unserem illusorischen Glauben an ein Selbst entstehen, was bedeutet, dass alles, was wir wahrnehmen, von unseren Geistesgiften befleckt ist.

Es ist unmöglich, die Ego-Fixierung vollständig zu beseitigen, solange man nicht Weisheit und Verdienst in einem sehr bemerkenswerten Ausmaß angesammelt hat, d.h. solange man nicht seine groben und die meisten seiner subtilen geistigen und emotionalen Verdunkelungen gereinigt hat. Es gibt Mittel, mit denen man seinen übermäßig starken Drang, sich an ein Selbst zu klammern und es zur Schau zu stellen, schwächen und verringern kann. Eigentlich ist es keine wirkliche Tragödie, an ein Selbst zu glauben, dennoch hat es Konsequenzen. Von sich selbst überzeugt zu sein und kaum eine Pause einzulegen, stolz zu denken und zu verkünden: "Hier bin ich!", verstärkt die Egozentrik. Wenn man nichts dagegen unternimmt, führt man sein Leben damit, sich zu sagen und zu wiederholen: "Ich bin der wichtigste Mensch auf Erden. Ich muss mich selbst schützen. Ich verdiene das Beste vom Besten. Ich werde dafür sorgen, dass ich alles bekomme, was ich will, egal wie!" Man erklärt und behandelt jeden, der sich einem in den Weg stellt, als seinen Feind.

Durch Übung versucht man, diese egoistischen Impulse zu schwächen, indem man im täglichen Leben, bei der Arbeit und zu Hause liebevolle Güte und Mitgefühl für andere entwickelt. Anstatt nur an sich selbst zu denken, versucht man, anderen zu helfen. Geistestraining ist eine sehr gute Methode, um die selbstsüchtige Einstellung und die unaufhörliche Sorge um sich selbst zu schwächen und abzubauen. Im "Bodhicharyavatara", insbesondere im achten Kapitel mit dem Titel "Meditation", werden viele Methoden der Übung vorgestellt. Wenn man sich auf diese Praktiken einlässt, wird der allgegenwärtige Impuls, der einen dazu veranlasst, an die Existenz eines Selbst zu glauben, immens schwächer und wird langsam überwunden.

Ich persönlich halte die Praxis des Tongleng, des "Gebens und Nehmens", für sehr nützlich und hilft Anfängern ungemein, ihre Aufmerksamkeit von sich selbst weg und auf andere zu richten. Tongleng ist eine sehr gute Praxis, um Weisheit zu entwickeln, indem man immer weniger an sich selbst denkt. Es ist eine gute Praxis für Dharma-Zentren, wenn viele Menschen in einem kleinen Raum zusammenkommen, um gemeinsam zu üben und dabei Spannungen zu erleben. Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass das Ziel der Entwicklung des Weisheitsbewusstseins die Verwirklichung der Selbstlosigkeit, d.h. der Leerheit, ist. Natürlich wäre es gut, die Madhyamika-Philosophie zu studieren und auf der Grundlage des eigenen Verständnisses über Leerheit zu meditieren, aber man muss wissen, dass es für Anfänger mehr als schwierig ist, sich auf die Praktiken einzulassen, die es ermöglichen, den irrtümlichen Glauben an ein Selbst direkt aufzulösen. Selbst ältere Schüler zweifeln immer wieder daran, ob es ein Selbst gibt oder nicht, erst recht aber ein Anfänger.

Es ist wirklich schwierig, Gewissheit über die Nichtexistenz eines Selbst zu erlangen, aber man muss es, um effektiv meditieren zu können. Vergessen wir nicht, dass wir seit unserer Geburt an uns selbst gebunden sind, und deshalb ist es nicht so einfach, die Selbstliebe aufzugeben. Die traditionellen Lehren besagen, dass wir seit einer Zeit, die keinen Anfang hat, an uns selbst gebunden sind. Die Ich-Fixierung ist eine tief verwurzelte Gewohnheit, die daher sehr mächtig ist und die man nicht so leicht aufgeben kann. Für Menschen, die über einige Jahre hinweg von Tabak oder Alkohol abhängig geworden sind, ist es sehr schwer, solche schlechten Gewohnheiten aufzugeben. Umso schwieriger ist es, die Gewohnheit der Selbstzerfleischung aufzugeben, der man über einen so langen Zeitraum verfallen ist und die man nicht einmal erkennen kann. Deshalb ist es sehr wichtig, Praktiken anzuwenden, die die harten Kanten abschwächen, die man hat, wenn man nur an sich selbst denkt.

Die Methode zur Abschwächung von Selbstsucht und Ego-Fixierung ist das Praktizieren von relativem Bodhicitta, das aus dem Aspekt des Strebens, d.h. dem Wunsch, nicht nur sich selbst zu betrachten, sondern sich um alle Lebewesen zu kümmern, und dem Aspekt der Anwendung, d.h. dem Praktizieren der ersten fünf Vollkommenheiten wie Großzügigkeit usw., besteht. Es ist auch wichtig, zu versuchen, die Gleichheit von sich selbst und anderen zu schätzen und anzuerkennen, die erreicht wird, indem man erkennt, dass jedes einzelne Lebewesen den gleichen Wunsch hat, nämlich frei von Leiden zu sein und Frieden und Glück zu genießen.

Selbst wenn jemand ein Mönch, eine Nonne oder ein hoher Lama ist, spielt es keine Rolle, ob diese Person gute oder schlechte Aktivitäten ausübt, während sie immer noch egozentrisch ist, d.h. während sie auf ein Selbst fixiert ist, das innerlich sehr mächtig ist, weil diese Aktivitäten dem Dharma entgegenstehen. Wenn man zum Beispiel Fäkalien in einen schönen Topf gibt und die Außenseite schrubbt, damit er schöner aussieht, wird sich das Innere des Topfes niemals verändern. Genauso wird jede Praxis, die man ausübt, niemals richtig sein, solange man egozentrisch ist. Wie gesagt, ist es schwer, die Ego-Anhaftung zu durchbrechen, und deshalb muss man relatives Bodhicitta praktizieren. Durch das Praktizieren von relativem Bodhicitta wird man viel Verdienst ansammeln, und als Ergebnis wird die Ego-Fixierung eines Tages durch die Kraft der beständigen Praxis aufgelöst werden.

Es macht einen großen Unterschied, wenn man übermäßige Selbstsucht hat und es dabei belässt, während man hofft, den Dharma zu praktizieren. Man kann zum Beispiel die reichlichsten Opfergaben bringen, während man auf sein Selbst fixiert ist, und das positive Ergebnis wird ein angenehmeres Leben oder eine Wiedergeburt in einem höheren Daseinsbereich sein. Andererseits heißt es, dass die kleinste Darbringung, zum Beispiel die Wiederholung eines einzigen Mani-Mantras, sehr verdienstvoll und kraftvoll ist und zur direkten Erlangung der Befreiung führen wird, wenn man sein Bestes tun möchte, um zu versuchen, seinen wahren Feind, die Ich-Fixierung, zu erkennen und zu besiegen, Zuflucht zu nehmen, Bodhicitta zu entwickeln und zu versuchen, in Vertrauen auf eine reine Motivation zu leben.

Deshalb müssen die Lehrer die Schüler immer wieder daran erinnern: Wann immer man eine Tätigkeit ausübt oder den Dharma praktiziert, muss man darüber nachdenken und bemerken, ob man das, was man tut, für sich selbst oder für andere tut. Wenn man großzügig ist und sich in anderen tugendhaften Aktivitäten mit der Motivation verausgabt, sich selbst zu vergrößern, wird man vorübergehend geholfen haben, aber solche Handlungen werden niemals zu dauerhafter Frucht führen. Wenn man hingegen großzügig ist und sich in tugendhaften Aktivitäten zum Wohle aller Lebewesen, einschließlich seiner selbst, verausgabt, dann wird eine scheinbar kleine positive Handlung die Ursache für die Verwirklichung dauerhafter Frucht sein, die unveränderliche Erleuchtung ist.

Im Mahayana wird immer gesagt, dass man den Lehren mit konzentrierter Aufmerksamkeit zuhören muss. Man darf nicht einfach glauben, was man hört, sondern muss prüfen, ob das, was man gehört hat, wahr ist oder nicht. Wenn man sorgfältig nachforscht, gewinnt man ein stabiles Verständnis der Lehren. Dennoch darf man es nicht dabei belassen, denn das bloße Hören und Verstehen des Dharma wird niemals zum Ziel führen. Wenn man sicherstellen will, dass die eigene Praxis zur Ursache der vollkommenen Befreiung wird, dann muss man sich immer mit den drei heiligen Aspekten der Praxis befassen, nämlich (1) mit der reinen Motivation, d.h. dem Wunsch, sein Bestes mit wachem Gewahrsein zu tun, (2) mit der Hauptpraxis und (3) mit der Widmung des Verdienstes der eigenen Praxis für das Wohl aller Lebewesen. Die Wichtigkeit, die drei heiligen Aspekte zu praktizieren, wird so oft gelehrt, dass die Gehörgangsschnecke in den Ohren zusammenzufallen scheint.

 

3) Ungeduld

"Ein wenig Lob macht uns glücklich, ein wenig Tadel macht uns traurig.

Mit ein paar harschen Worten verlieren wir den Panzer unserer Geduld.

Selbst wenn wir die Bedürftigen sehen, kommt kein Mitgefühl auf.

Wenn sich die Gelegenheit bietet, großzügig zu sein, werden wir von der Gier gefesselt.

Lama, denke an uns, betrachte uns schnell mit Mitgefühl,

Segne uns, dass unser Geist eins mit dem Dharma wird."

Der Hauptpunkt dieses Verses ist, dass sich unser Geist dem Dharma zuwendet und mit ihm vereint wird.

Es ist wichtig zu fragen, was eigentlich darüber entscheidet, ob jemand ein Buddhist ist? Das äußere Erscheinungsbild zählt nur insofern, als jemand ordiniert wurde und die Roben eines Mönchs oder einer Nonne trägt oder insofern, als jemand eine Mala hat, die er oder sie als Erinnerung an die Praxis trägt. Aber das Hauptmerkmal eines Buddhisten, d.h. von jemandem, der dem Dharma folgt, ist, dass er oder sie sich dem Dharma zugewandt hat und versucht, sich mit den Lehren des Buddha zu vereinen. Ein Anhänger übt sich darin, seinen Geist zu schulen und zu zähmen, und er versucht, achtsam und bewusst zu sein, indem er schädliche Handlungen unterlässt und sich an nützlichen Aktivitäten beteiligt.

Was ist der Zweck des Dharma? Der Dharma zeigt den Weg, d.h. die Methoden und Mittel, um den Glauben an ein Selbst und die daraus resultierenden Geistesgifte zu überwinden. Da dies nicht leicht zu bewerkstelligen ist, besteht der erste Schritt darin, den dominierenden Einfluss der Geistesgifte auf das eigene Leben zu schwächen, indem man ihnen nicht so schnell und unüberlegt nachgibt. Wenn man merkt, dass man dieses Ziel erreicht hat, dann ist man in Harmonie mit dem Dharma; rücksichtslos den eigenen Gedanken zu folgen, ohne sich um die Konsequenzen zu kümmern, entspricht nicht dem Dharma.

Die Geistesgifte - Hass, Gier, Eifersucht, Stolz, Unwissenheit - sind hartnäckig, und es ist schwer, klar zu erkennen, dass man sie hat und dass sie das eigene Leben kontrollieren. Wenn man weiß, dass man eines oder mehrere von ihnen hat, dann ist es schwer, das entsprechende Gegenmittel anzuwenden. Wenn man weiß, welches Gegenmittel gegen ein bestimmtes Geistesgift eingesetzt werden sollte, dann ist es schwer, es anzuwenden. Wenn man weiß, welches Gegenmittel zu verwenden ist und es anwendet, dann sieht man, dass es sehr schwer ist, sein Geistesgift oder seine Geistesgifte vollständig zu überwinden.

Der erste Schritt ist sehr, sehr wichtig, nämlich sich bewusst zu machen, dass ein Geistesgift in einem selbst entsteht oder entstanden ist, und es zu erkennen. Wenn man das nicht tut, dominieren sie weiterhin das Leben. Wenn man zum Beispiel nicht aufhört, weitere Formen anzunehmen, hat Wut eine starke Auswirkung auf den eigenen Körper. Wenn man die Wut nicht unterdrückt, wenn sie aufkommt, tut man Dinge, die man nicht tun sollte. Auch die Gier ist zunächst nur ein Impuls, unabhängig davon, ob das Objekt der Begierde wertvoll ist oder nicht und unabhängig davon, ob man glaubt, ohne es nicht leben zu können. Die Gier kann auch immer stärker werden und eine ständige Triebkraft im Leben sein, wenn sie nicht geschwächt und gestoppt wird. Es ist notwendig, den Fluss jedes Geistesgiftes zu unterbrechen, sich dessen in dem Moment bewusst zu sein, in dem es auftaucht, und zu erkennen, dass es besser ist, vorsichtig zu sein mit dem, was man denkt, tun zu wollen. Auch hier gilt, dass die Geistesgifte tief in unserem Geistesstrom verwurzelt sind, so dass es nicht so einfach ist, sie auszurotten, dennoch ist es möglich, sie zu unterbrechen und zu verhindern, dass sie unser Verhalten und unsere Aktivitäten dominieren. Ich denke, dass bestimmte Praktiken des ruhigen Verweilens einem ungemein helfen, den Impuls, einem Geistesgift zu folgen und dadurch von ihm beherrscht zu werden, zu befrieden, indem man seinen Geist in der Erkenntnis eines Geistesgifts ruhen lässt, wenn es auftaucht.

Eine weitere Übung besteht darin, zu untersuchen, woraus ein Geistesgift besteht, sobald es auftaucht. Wenn man nachforscht, wird man entdecken, dass jedes Geistesgift zufällig ist und nicht dauerhaft irgendwo gespeichert ist. Es ist nicht so, dass der eigene Geist wie ein Schrank ist, mit einer Schublade für Hass, einer für Gier und irgendwo auch eine Schublade für Eifersucht und so weiter. Es ist wichtig, Wut oder Hass zu erkennen, wenn sie aufkommen. Man kann sagen, dass jeder sie hat und dass sie in unserem gegenwärtigen Zustand natürlich und normal sind. Es geht darum, sie zu erkennen, wenn sie auftauchen, und zu einer geeigneten Methode zu greifen, um sie zu besänftigen.

Eine Methode, um die eigenen Geistesgifte zu beruhigen, besteht darin, zu erkennen, dass sie zufällig und flüchtig sind, indem man fragt: "Woher kommen sie?" Wenn man sucht, wird man keine Quelle finden. Eine andere Methode ist zum Beispiel, den eigenen Ärger direkt anzuschauen und zu fragen: "Was ist die Essenz oder die Natur dieses Ärgers?" Es ist nicht einfach, so zu praktizieren. Es wäre also sehr effektiv, sein Bestes zu tun, um zu bemerken, was auch immer in seinem Geist auftaucht, und sich zu fragen, ob sein Ärger zum Beispiel überhaupt positiv und wertvoll ist oder nicht. Wenn man merkt, dass ein Impuls nur negativ ist, kann man seinen Geist in seiner Erkenntnis beruhigt ruhen lassen. Man wird bemerken, dass kein Geistesgift auftaucht, wenn der Geist in Ruhe und Frieden ruht. Und deshalb ist es hilfreich zu erkennen, dass Geistesgifte zufällig und flüchtig sind, denn dann verlieren sie ihre treibende Kraft und beeinträchtigen uns nicht.

Die oben genannten Methoden der Praxis gelten auch für die anderen Geistesgifte. Man betrachtet zunächst den eigenen Geist und erkennt, welches Geistesgift entstanden ist - Abneigung, Hass, Anhaftung, Gier oder Eifersucht usw. Man prüft, ob ein negativer Gedanke, den man hat, etwas Positives hat, und erinnert sich daran, dass er nur Schaden verursacht und einen daran hindert, in Frieden und Ruhe zu verweilen, wenn man ihm nachgeht. Wenn gelehrt wird, dass die Geistesgifte flüchtige Erscheinungen sind, bedeutet das, dass sie nicht wirklich existieren, sondern wie eine nicht greifbare Blase sind und daher beherrschbar sind. Es spielt keine Rolle, was es ist, jede kausale Bedingung führt zu einer grenzenlosen Vielfalt von Geistesgiften. Es geht darum, ein Geistesgift in dem Moment zu erkennen, in dem es auftaucht, und ständig achtsam und bewusst zu sein, was im eigenen Geist erscheint.

Für jedes Geistesgift gibt es ein spezifisches Gegenmittel, und man sollte dieses Gegenmittel anwenden. Aber man wird feststellen, dass der Versuch, ein Gegenmittel anzuwenden, nicht immer funktioniert, vor allem, wenn man noch Anfänger ist. Wichtig ist, dass man nicht zulässt, dass sich ein Gedanke, den man hat, ausbreitet. Eine sehr gute Methode, um zu verhindern, dass sich ein negativer Gedanke ausbreitet, ist zu erkennen, ob er schlecht ist, und sich in diesem Gedanken zu entspannen.

Schüler: Die Wut ist einfach da und manchmal merke ich es nicht einmal. Sie kommt so schnell. Manchmal merke ich erst eine Stunde später, dass ich sehr wütend war.
Khenpo: Deshalb habe ich gesagt, dass es sehr schwierig ist, ein Geistesgift am Anfang zu bemerken, und selbst wenn man es bemerkt, ist es sehr schwierig, sich daran zu erinnern und das Gegenmittel anzuwenden. Natürlich ist es schwierig, denn wir haben viel Übung darin, wütend zu sein und Anhaftung zu haben. Man muss darüber nachdenken und sich daran erinnern, dass Ärger und die anderen Geistesgifte niemals helfen werden - sie werden nur den Frieden stören und das Leiden verstärken. Wie gesagt, Zorn ist nirgendwo verankert, sondern nur vorübergehend. Wenn mir jemand auf den Hinterkopf schlägt, werde ich in diesem Moment wütend, aber Wut ist flüchtig und bleibt daher nicht. Im Vergleich zu anderen finde ich Sie in Ordnung, aber es ist gefährlich, wenn ein jähzorniger Mensch auf seine Wut reagiert und andere schlägt - damit ist niemandem geholfen. Bitte denken Sie darüber nach und reagieren Sie nie im Zorn. Wenn du immer wieder darüber nachdenkst, dann wird dieses Geistesgift schwächer.

Frage: Was sind die Gegenmittel für jedes Geistesgift?
Khenpo: Jeder Mensch hat bestimmte Eigenschaften. Manche Menschen haben mehr Abneigung und Zorn, andere werden von Lust und Gier getrieben, andere leben ihr Leben beherrscht von Eifersucht, und wieder andere sind extrem geizig. Das Gegenmittel gegen die Neigung zu Hass und Ärger ist die Meditation der Liebe. Es gibt fortschrittliche Meditationspraktiken, um Liebe zu kultivieren, aber es ist jetzt nicht die Zeit, sie zu erklären. Die Kultivierung von Liebe, Fürsorge und Wärme im eigenen Herzen schwächt automatisch die starke Tendenz, wütend zu sein, und die Anweisungen, die man braucht, um der Kultur zu entsprechen, in der man lebt. Das klassische Beispiel für die Entwicklung von Liebe in Indien und Tibet ist die Erinnerung an die Liebe, die man für seine Eltern empfindet. Viele Menschen im Westen argumentieren, dass sie ihre Eltern nicht ausstehen können, also ist ein anderes Beispiel nötig. Zorn und Verachtung sind sehr aktive Geistesgifte und sind immer nach außen gerichtet. Man kann seine Wut verstärken und einen hohen Blutdruck bekommen. Es ist gut für den Kreislauf und den Geist, wenn man gute Gefühle und Respekt für andere entwickeln kann.

Frage: Wut ist meine Schwäche, und ich arbeite daran, aber es gibt Situationen, in denen meine Wut beim Anblick bestimmter Menschen so spontan aufsteigt, dass ich nicht einmal Luft holen kann.
Übersetzer: Dann denken Sie, dass diese Person daran schuld ist?
Derselbe Schüler: Nein, so habe ich das nicht gemeint. Es gibt Menschen, die mich automatisch wütend machen. Mein Ärger hört auf, wenn ich mich abwende und gehe. Aber es passiert immer wieder, und ich möchte den Lama bitten, mir zu sagen, was ich in solchen Situationen tun soll.
Khenpo: Trinke Wasser. Ja, es ist tatsächlich schwierig, wenn man taub ist für alles Gute oder Schlechte, das jemand sagt, und man nicht die Kraft hat, die Person zu konfrontieren, um dieses Geistesgift zu überwinden. In solchen Fällen ist es besser, weit weg zu bleiben, damit das Geistesgift nicht auftauchen kann. Wenn es nicht möglich ist, wegzulaufen, denke ich, dass man die Methode der Liebe und des Mitgefühls anwenden sollte. Versuchen Sie zu kontemplieren, dass diese Person wie Ihre Großmutter ist, die Ihnen viel Liebe und Ratschläge gegeben hat, oder wie Ihr guter Sohn oder Ihre gute Tochter, die geistig behindert ist und Sie deshalb anschreit. Ich denke, Sie werden sich beruhigen, wenn Sie ein wenig so denken. Eine andere Methode besteht darin, über den Nutzen von Geduld nachzudenken und zu wissen, dass es nicht möglich ist, Geduld zu üben, solange niemand da ist, der Ärger macht. Wie können wir Geduld kultivieren, wenn es niemanden gibt, mit dem wir geduldig sein können? In einem schönen Garten zu sitzen, bietet keine Möglichkeit, Geduld zu üben. Die Lehren besagen, dass Geduld sehr mächtig ist. Wenn jemand Ärger macht, üben wir uns in Geduld und widmen den Verdienst dem Wohlergehen aller Lebewesen. Es ist leicht, mit Anhaftung umzugehen, aber Ärger ist nicht leicht zu bewältigen, wie wir alle schon erfahren haben. Aber wir müssen unser Bestes geben.
Derselbe Schüler: Ich schaffe es normalerweise, in solchen Situationen aus dem Weg zu gehen, aber ich denke, das ist eine kleine Art, damit umzugehen. Ich würde gerne in der Lage sein, in der Situation zu bleiben und mit ihr umzugehen.
Khenpo: Das ist gut. Lassen Sie mich die Geschichte von Jowo Atisha erzählen.

Jowo Atisha, ein großer Meister, der viele große Schüler hatte, hatte einen Assistenten, der immer Ärger machte. Einige Schüler fragten ihn: "Warum behältst du diesen Assistenten und nimmst nicht einen Assistenten, der nie kämpft?" Jowo Atisha antwortete: "Nein, nein. Er hilft mir wirklich, mich in Geduld zu üben." Es wäre sehr gut, auf diese Weise zu üben.

 

4) Anhaftung

"Wir denken, Samsara sei lohnend, obwohl es das nicht ist.

Wir geben unsere höhere Vision um der Nahrung und der Kleidung willen auf.

Obwohl wir alles haben, was wir brauchen, wollen wir ständig mehr.

Unser Geist wird von unwirklichen, illusorischen Phänomenen getäuscht.

Lama, denke an uns, betrachte uns rasch mit Mitgefühl.

Segne uns, dass wir die Anhaftung an dieses Leben loslassen."

Es gibt drei Arten von Anhaftung. Innere Anhaftung ist das Verlangen nach dem anderen Geschlecht, und äußere Anhaftung ist das Verlangen nach materiellen Dingen, wie leckerem Essen, schöner Kleidung usw. Das Gegenmittel für innere Anhaftung ist die Kontemplation über die verdorbenen und unreinen Substanzen im Inneren der Person, die man begehrt. Dies ist eine wichtige Praxis für ordinierte Mönche und Nonnen und vielleicht brauchst du sie nicht. Das Gegenmittel gegen die Anhaftung an materielle Dinge ist die Kontemplation der Vergänglichkeit. Allein der Gedanke, dass man Objekten nachläuft, die am nächsten Tag kaputt sein könnten, schwächt die Gier nach Dingen.

Ich möchte mich auf den ersten Satz des Verses über die Ungeduld beziehen, der lautet: "Ein wenig Lob macht uns glücklich, ein wenig Tadel macht uns traurig."

Manchmal denke ich, unser Geist ist wie der eines kleinen Kindes. Eine Mutter muss ihr Kind immer vom Weinen abhalten und es glücklich machen, indem sie es spüren lässt, dass es gut ist oder gut aussieht. Aber manchmal wird eine Mutter wütend und sagt ihrem Kind, dass das, was es tut, nicht gut ist. Dann weint das Kind. Kinder sind so. Ich glaube, wenn die Menschen sich dessen nicht bewusst sind, sind sie wie Kinder. Sie freuen sich, wenn sie gelobt werden, und denken: "Oh, es ist so toll, dass So-und-so meine Qualitäten bemerkt und lobt." Und sie sind traurig, wenn sie kritisiert werden, können nachts nicht schlafen, haben sogar schlechte Träume und denken: "Oh, es ist furchtbar, dass die Leute so schlecht von mir denken." Ich denke, wenn wir uns nicht von Lob und Tadel leiten lassen und unseren Geist kontrollieren können, dann wird unser Geist stabiler sein. Also nicht der Anhaftung hinterherlaufen.

Ich hatte das Gefühl, dass es nicht möglich wäre, den gesamten Text an diesem Wochenende durchzugehen, und Sie brauchen auch keine Prüfungen darüber abzulegen. Ich denke, es ist wichtiger, die Bedeutung dieses Textes zu verstehen, zu wissen, welche Verse für dich wichtig sind, und sie so gut wie möglich zu praktizieren. Der wichtigste Punkt ist zu erkennen, ob Ihre Aktivitäten in Harmonie und Übereinstimmung mit dem Dharma sind. Das Ziel des Dharma ist es, die eigenen negativen Emotionen und Verblendungen zu überwinden und sich immer zu fragen: "Ist mein Geist eins mit dem Dharma?" Dies gilt für jede Praxis, die man ausübt, insbesondere wenn man sich auf die sehr nützlichen Praktiken einlässt, die uns im Gebet "Den Lama aus der Ferne anrufen" gegeben werden. Vielen Dank, dass Sie an diesem Seminar teilgenommen haben, und vielen Dank auch an den Übersetzer.

Sprecher: Lama Karma Namgyal, ich möchte Ihnen im Namen der Sangha für diese wunderbaren Belehrungen an diesem Wochenende danken, für die wunderbare Zeit in Hamburg und im Dharma-Zentrum. Wir wünschen Ihnen alles Glück für die nächsten Wochen in Hamburg, und es wird wunderbar sein, Sie hier wiederzusehen. Vielen Dank an euch. Danke auch an Rosie für deine wunderbare Übersetzung. Es war wirklich toll zu sehen, wie gut du mit Lama zusammenarbeitest. Übersetzer: Ich danke Ihnen. Es war wirklich schön.
Khenpo: Ich danke Ihnen.

 

5) Nicht-tugendhafte Aktivitäten

"Nicht in der Lage, den geringsten körperlichen oder geistigen Schmerz zu ertragen,

Mit blindem Mut zögern wir nicht, in niedere Gefilde zu fallen.

Obwohl wir das unfehlbare Gesetz von Ursache und Wirkung direkt sehen,

handeln wir nicht tugendhaft, sondern steigern unser untugendhaftes Tun.

Lama, denke an uns, betrachte uns rasch mit Mitgefühl.

Segne uns, dass wir dazu kommen, den Gesetzen des Karmas vollkommen zu vertrauen."

6) Faulheit

"Wir hassen unsere Feinde und klammern uns an Freunde.

Verloren in der Dunkelheit der Unwissenheit, wissen wir nicht, was wir annehmen oder ablehnen sollen.

Wenn wir Dharma praktizieren, fallen wir in Dumpfheit, Schläfrigkeit und Schlaf.

Wenn wir den Dharma nicht praktizieren, sind wir klug und unsere Sinne sind klar.

Lama, denke an uns, betrachte uns rasch mit Mitgefühl.

Segne uns, dass wir unseren Feind, die Kleshas, überwinden."

7) Zorn

"Von außen betrachtet scheinen wir echte Dharma-Praktizierende zu sein;

Im Inneren ist unser Geist nicht mit dem Dharma verschmolzen.

Wir verbergen unsere kleshas im Inneren wie eine giftige Schlange.

Doch wenn schwierige Situationen entstehen, kommen die verborgenen Fehler eines schlechten Praktizierenden ans Licht.

Lama, denke an uns, betrachte uns rasch mit Mitgefühl.

Segne uns, dass wir selbst in der Lage sind, unseren Geist zu zähmen."

8) Unbeständigkeit

"Wir erkennen unsere eigenen Fehler nicht,

Wir nehmen die Form eines Dharma-Praktizierenden an, während wir uns mit nicht-dharmischen Tätigkeiten beschäftigen.

Wir sind an kleshas und nichttugendhafte Aktivitäten gewöhnt.

Immer wieder entstehen tugendhafte Absichten, immer wieder werden sie abgeschnitten.

Lama, denke an uns, betrachte uns rasch mit Mitgefühl.

Segne uns, dass wir unsere eigenen Fehler sehen."



DIE GEGENMITTEL ZU DEN ACHT FEHLERN

1) Entsagung

"Mit jedem Tag, der vergeht, kommen wir dem Tod näher und näher.

Mit jedem Tag, der vergeht, wird unser Geist immer starrer.

Obwohl wir dem Lama dienen, wird unsere Hingabe allmählich verdunkelt.

Unsere Liebe, Zuneigung und reine Einstellung zu unseren Dharma-Freunden nimmt ab.

Lama, denke an uns, betrachte uns rasch mit Mitgefühl.

Segne uns, dass wir unseren eigensinnigen Geist zähmen."

2) Zuflucht

"Obwohl wir Zuflucht genommen, Bodhichitta erzeugt und Gebete gesprochen haben,

Hingabe und Mitgefühl sind nicht in der Tiefe unseres Wesens entstanden.

Dharma-Aktivitäten und die Praxis der Tugend haben sich in leere Worte verwandelt;

Unsere leeren Errungenschaften sind zahlreich, aber keine hat unseren Geist bewegt.

Lama, denke an uns, betrachte uns rasch mit Mitgefühl.

Segne uns, dass alles, was wir tun, im Einklang mit dem Dharma steht."

3) Bodhicitta

"Alles Leiden entspringt dem Wunsch nach Glück für uns selbst;

Obwohl gelehrt wird, dass die Erleuchtung durch den Nutzen für andere erlangt wird.

Wir erzeugen Bodhicitta, während wir insgeheim unsere eigenen Wünsche hegen.

Wir nützen anderen nicht, und mehr noch, wir schaden ihnen sogar unbewusst.

Lama, denke an uns, betrachte uns rasch mit Mitgefühl.

Segne uns, dass wir in der Lage sind, unser Selbst gegen andere einzutauschen."

4) Glaube und Hingabe

"Unser Lama ist eigentlich die Erscheinung des Buddha selbst, aber wir halten ihn für einen gewöhnlichen Menschen.

Wir vergessen die Güte des Lamas, der uns tiefe Unterweisungen gibt.

Wir sind verärgert, wenn wir nicht bekommen, was wir wollen.

Wir sehen die Aktivitäten und das Verhalten des Lamas durch den Schleier von Zweifeln und falschen Ansichten.

Lama, denke an uns, betrachte uns rasch mit Mitgefühl.

Segne uns, dass unsere Hingabe, frei von Verdunkelungen, zunimmt."

5) Zuversicht

"Unser eigener Geist ist der Buddha, aber wir erkennen ihn nicht.

Alle Konzepte sind der Dharmakaya, aber wir erkennen ihn nicht.

Dies ist der ungekünstelte natürliche Zustand, aber wir können ihn nicht aufrechterhalten.

Dies ist die wahre Natur des Geistes, der in sich selbst ruht, aber wir sind unfähig, es zu glauben.

Lama, denke an uns, betrachte uns rasch mit Mitgefühl.

Segne uns, dass das Selbst-Bewusstsein in seinen Grund befreit wird."

6) Achtsamkeit & Gewahrsein

"Der Tod ist gewiss, aber wir sind nicht in der Lage, uns das zu Herzen zu nehmen.

Der Nutzen des echten Dharma ist gewiss, aber wir sind unfähig, richtig zu praktizieren.

Die Wahrheit des Karmas, Ursache und Wirkung, ist gewiss, aber wir entscheiden nicht richtig, was wir aufgeben und was wir annehmen sollen.

Es ist sicherlich notwendig, achtsam und wachsam zu sein, aber diese Qualitäten sind innerlich nicht stabil, und wir lassen uns von Ablenkungen mitreißen.

Lama, denke an uns, betrachte uns rasch mit Mitgefühl.

Segne uns, dass wir achtsam bleiben und uns nicht ablenken lassen."

7) Entschlossenheit

"Wir werden am Ende dieser degenerierten Zeit aufgrund unseres früheren negativen Karmas geboren.

Alle unsere früheren Handlungen sind zur Ursache von Leiden geworden.

Schlechte Freunde werfen den Schatten ihrer negativen Handlungen auf uns.

Unsere Tugendpraxis wird durch bedeutungsloses Geschwätz korrumpiert.

Lama, denke an uns, betrachte uns rasch mit Mitgefühl.

Segne uns, dass wir uns den Dharma tief zu Herzen nehmen."

8) Beharrlichkeit

"Am Anfang haben wir nichts als den Dharma im Sinn,

Aber am Ende ist das Ergebnis die Ursache von Samsara und den niederen Bereichen.

Die Ernte der Befreiung wird durch den Frost der nichttugendhaften Aktivität zerstört.

Wie wilde Wilde haben wir unsere letzte Vision verloren.

Lama, denke an uns, betrachte uns rasch mit Mitgefühl.

Segne uns, dass wir in uns den wahren Dharma zur Vollendung bringen."

SCHLUSSFOLGERUNG

"Segne uns, dass Reue tief aus unserem Inneren aufsteigt.

Segne uns, dass wir alle unsere Intrigen eindämmen.

Segne uns, dass wir uns aus der Tiefe unseres Herzens an den Tod erinnern.

Segne uns, dass wir Gewissheit über die Gesetze des Karmas entwickeln.

Segne uns, dass unser Weg frei von Hindernissen ist.

Segne uns, dass wir in der Lage sind, uns in der Praxis anzustrengen.

Segne uns, dass wir schwierige Situationen auf den Weg bringen.

Segne uns, dass Gegenmittel durch ihre eigene Kraft vollkommen wirksam sind.

Segne uns, dass echte Hingabe entsteht.

Segne uns, dass wir das Gesicht der wahren Natur des Geistes sehen.

Segne uns, dass die Selbsterkenntnis im Zentrum unseres Herzens erwacht.

Segne uns, dass trügerische Erscheinungen vollständig beseitigt werden.

Segne uns, dass wir in einem einzigen Leben die Erleuchtung erlangen."

"Wir beten zu dir, kostbarer Lama.

Gütiger Lama, Herr des Dharma, wir rufen zu dir mit Sehnsucht.

Für uns, die wir unwürdig sind, bist du die einzige Hoffnung.

Segne uns, dass sich dein Geist mit dem unseren vermischt."


Widmung

Durch diese Güte möge Allwissenheit erlangt werden

Und möge dadurch jeder Feind (geistige Verunreinigung) überwunden werden.

Mögen die Wesen aus dem Ozean des Samsara befreit werden

der von den Wellen der Geburt, des Alters, der Krankheit und des Todes aufgewühlt ist.

Möge ich durch diese Tugend schnell den Zustand des Guru-Buddhas erlangen und dann

jedes Wesen ohne Ausnahme zu eben diesem Zustand führen!

Möge kostbares und höchstes Bodhicitta, das noch nicht entstanden ist, jetzt so sein,

Und möge kostbares Bodhicitta, das bereits entstanden ist, niemals abnehmen, sondern ständig zunehmen!

Möge das Leben des glorreichen Lamas unerschütterlich und fest bleiben.

Mögen Frieden und Glück für die Wesen entstehen, die so grenzenlos (in ihrer Anzahl) sind wie der Raum (in seiner Ausdehnung).

Mögen ich und alle Lebewesen ohne Ausnahme, nachdem sie Verdienst angesammelt und Negativitäten gereinigt haben

rasch die Ebenen und Gründe der Buddhaschaft erlangen.

Die Übersetzung des Wurzeltextes wurde von Dzogchen Ponlop Rinpoche und Michele Martin angefertigt und ist einer Version des Nalanda Übersetzungskomitees in "Journey without Goal" von Chogyam Trungpa (Shambhala, 1985) zu verdanken. Abgedruckt in: "Seine Eminenz Jamgon Kongtrul Rinpoche. In Memory", Jamgon Kongtrul Labrang, Rumtek, Sikkim, 1992, Seiten 42-73. Wenn Khenpo nicht auf Englisch lehrte (in diesem Fall sind viele Abschnitte dieses Textes leicht bearbeitete Abschriften), übersetzt aus dem Tibetischen ins Deutsche von Rosemarie Fuchs und ins Englische übersetzt und herausgegeben von Gaby Hollmann. Blumen angeboten von Lee. Copyright Khenpo Karma Namgyal, Karma Lekshey Ling in Kathmandu & Karma Theksum Tashi Chöling in Hamburg, 2008. Übersetzt ins Deutsche von Johannes Billing 2024.